Häusliche Gewalt: Der Stein im Regal

Hunderttausende werden jedes Jahr im eigenen Zuhause misshandelt.

Zu Hause, in den Wohnungen, muss der Frieden beginnen. Das sagte Astrid Lindgren, die Erfinderin der "Pippi Langstrumpf", als sie vor 40 Jahren den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam. Sie erzählte die Geschichte eines Jungen, der seiner Mutter eine Rute bringen sollte, damit sie ihn für einen Erdbeerdiebstahl bestrafen konnte. Der Junge holte statt der Rute einen Stein. Wenn Mama mir wehtun will, dachte der Junge, geht es besser mit dem Stein. Da weinte die Mutter, und sie legte den Stein zur Mahnung ins Regal, und sie hat ihr Kind nie wieder geschlagen.

Häusliche Gewalt, Gewalt vor allem gegen Frauen und Kinder, in vergleichsweise weniger Fällen auch gegen Männer, ist schwer an der Wurzel zu packen. Noch ist nicht vollkommen verstanden, warum bei einigen die dunklen Anteile der Persönlichkeit zum Ausbruch kommen und sie zu Tätern machen, bei anderen nicht. Fest steht, dass es um mangelnde Affektkontrolle geht, oft nach eigenen Gewalterfahrungen in früher Kindheit.

Am Sonntag dieser Woche begehen die Vereinten Nationen den Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Familienministerin Franziska Giffey (SPD) hat aktuelle Zahlen vorgelegt, wonach es durchschnittlich an jedem Tag fast 380-mal zu gewaltsamen Übergriffen unter deutschen Dächern kommt. In Sachsen sind es täglich mehr als 20 Fälle. Bundesweit alle zwei bis drei Tage - alle zwei bis drei Tage! - wird im statistischen Mittel eine Frau vom eigenen Partner oder Expartner umgebracht. Die Gefahr lauert weniger im dunklen Park oder an verlassenen Ecken. Sondern im eigenen Zuhause.

Die Öffentlichkeit nennt solche Fakten gern "schockierend" und "unglaublich". Zumindest in der Überraschtheit schwingt ein Hauch Ignoranz mit, wenn nicht Heuchelei. Frauenpolitikerinnen und gesellschaftliche Akteure machen seit Jahrzehnten auf diese Lage aufmerksam. Die Gesellschaft lernt quälend langsam dazu. "Gedöns", so hieß Frauenpolitik noch vor 20 Jahren beim Macho-Kanzler Gerhard Schröder (SPD). Die ersten Frauenschutzhäuser kamen aus der Selbsthilfebewegung, nicht vom Staat. Noch 1966 verbot das Bundesverfassungsgericht einer Ehefrau, beim (vom Mann gewollten) Beischlaf "Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen". Erst 1997 wurde Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt, Gewalt in der Kindererziehung erst 2000 per Gesetz geächtet. Noch heute ist die Finanzierung von Frauenhäusern oft prekär, in Regionen wie dem Erzgebirge fehlen sie ganz. Umso schlimmer, dass in solchen Häusern neben Frauen ebenso viele Kinder im akuten Notfall unterkommen. Wir wissen, was los ist. Wann handeln wir? Ein wirklich flächendeckendes Netz von Schutz- und Beratungsangeboten für alle Opfer häuslicher Gewalt ist in ganz Deutschland überfällig.

"Wie soll es Frieden geben in der Welt, wenn es keine friedfertigen Menschen gibt?", fragte Astrid Lindgren in ihrer Frankfurter Rede. Frieden fängt beim häuslichen Frieden an. Der Schutz vor häuslicher Gewalt ist ein Menschenrecht. Und jede Aktivistin, jedes kommunale Schutzhaus und jede aufklärerische Stimme ist: Friedenspolitik.

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