Helfen ohne Gegenleistung

Seit neun Jahren sitzt Paul aus dem Erzgebirge im Rollstuhl. Er kann nur wenige Schritte selbstständig laufen. Ausgelöst wurde seine Behinderung durch eine Gehirnhautentzündung. Bislang hatte seine alleinerziehende Mutter einen 22 Jahre alten Kleinbus, in den ein Rollstuhl passte. Doch das Fahrzeug kam nicht mehr durch den Tüv. Jetzt haben ihr völlig unbekannte Menschen für ihren Sohn Geld gegeben - einfach so. Christina Nitzsche kann dies noch gar nicht richtig fassen. Dank der Spenden werden beide bald wieder mobil sein, am Leben teilhaben können.

Es ist nur eines von vielen Beispielen, wo bedürftige Menschen ganz plötzlich unerwartete Hilfe, ja unerwartetes Glück erfahren. Mehr als 150 Projekte konnte der Verein "Leser helfen" in den zurückliegenden Jahren in der Region unterstützen. Dass ausgerechnet im Coronajahr die Spendenbereitschaft noch höher als sonst schon war, ist einfach mal eine tolle Nachricht in so aufgewühlten und zum Teil destruktiven Zeiten.

Geld zu spenden, hilft immer. Denn es ermöglicht bedürftigen Menschen, sich Dinge anzuschaffen, die ihr Leben etwas leichter oder erträglicher machen. In Zeiten wie diesen kann - und sollte - man sich aber auch auf eine andere Art solidarisch zeigen. Indem man sich zum Beispiel an Regeln hält, die dazu beitragen können, dass andere in Coronazeiten weniger gefährdet sind. Man kann es auch "aufeinander achtgeben" nennen. Das hilft jenen Menschen, die selbst eben nicht über genügend Abwehrkräfte verfügen, von denen andere wiederum glauben, sie im Überfluss zu haben, ja unangreifbar zu sein.

Eine Erkenntnis der zurückliegenden Monate ist doch, dass wir alle verletzlich sind und ganz schnell in Situationen geraten können, in denen wir Hilfe brauchen. Da muss ich gar nicht vom Virus infiziert werden und im schlimmsten Fall im Krankenhaus landen. Allein die Tatsache, einen Job zu haben, dessen Ausübung derzeit ganz unmöglich ist, lässt einen schnell auf Hilfe angewiesen sein. Oder wenn die Kinder wochenlang zu Hause beschult oder betreut werden müssen, während einem selbst im Homeoffice langsam alles über den Kopf wächst. Da braucht es Hilfe - am besten von Menschen, die nicht danach fragen, was sie als Gegenleistung dafür bekommen. Anderen zu helfen, im Vertrauen darauf, im Notfall auch eine Unterstützung zu erhalten, kann auf beiden Seiten ein Glücksgefühl auslösen. Auf diese Art von Solidarität sind heute sehr viele angewiesen.

Es wird in den nächsten Wochen und Monaten wohl noch oft notwendig sein, sich gegenseitig zu unterstützen. Vielleicht auch miteinander etwas mehr Geduld zu haben und nicht die Zuversicht zu verlieren, dass die Gesellschaft als Ganzes diese aktuelle Herausforderung bestehen kann und wird.

Es gibt namhafte Gesellschaftswissenschaftler, zum Beispiel den Soziologen Heinz Bude, die davon überzeugt sind, dass aus dem Gefühl der individuellen Verwundbarkeit ein stärkerer Gemeinsinn entstehen wird - gewissermaßen eine gegenseitige Hilfe auf Augenhöhe. Ob dies am Ende eine Folge gemeinsamer Pandemieerfahrungen sein wird, das muss die Zeit zeigen - eine wünschenswerte Lehre wäre es.

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