Hoch fliegen, aber auf Teppich bleiben

Wir bleiben auf dem Teppich, auch wenn der gerade fliegt. Der schöne Satz stammt von Winfried Kretschmann. Er sagte ihn oft im baden-württembergischen Landtagswahlkampf im Frühjahr 2011. Das war die Zeit, als im fernen Fukushima eine Atomkatastrophe passierte und in Deutschland die Grünen in den Wahlumfragen schon einmal bei 28 Prozent der Stimmen landeten. Seither ist Kretschmann der erste grüne Ministerpräsident in Deutschland. Bundesweit stürzte seine Partei nach dem 2011er-Höhenflug aber schnell wieder ab.

Daraus haben die Grünen gelernt. Beim jetzigen Höhenflug bleiben sie auf dem Teppich, obwohl die Vorzeichen für den gesellschaftlichen Stimmungswandel deutlich anders als 2011 sind. Die Umfragekurve steigt bereits seit mehr als einem Jahr. Sie gewinnen bei Wahlen. Ein wachsender Teil der Bürger hat also schon längere Zeit den Eindruck, dass die Grünen wichtige Zukunftsanliegen besser vertreten - zuvorderst den Klimaschutz.

Wichtig auch, die Grünen haben ihren politischen Duktus verändert. Waren sie früher eher die Verbieter - die damit von der politischen Konkurrenz auch schnell in die Ecke gestellt werden konnten - sind sie heute eher Gebieter. Sie vertreten offensiver positiv besetzte Politikziele und sind damit - zumindest was ihr Spitzenpersonal betrifft - nicht mehr die Immer-dagegen-Partei. Das macht sie attraktiv, vor allem für jüngere Menschen. Die Wählerwanderungen beweisen es. Zur Europawahl haben die Grünen der SPD 1,25 Millionen und der Union 1,11 Millionen Stimmen abgezogen. Hinzu kommt ihr unverbrauchtes Führungsduo. Natürlich würden sich Annalena Baerbock und Robert Habeck nie auf ihre mediale Wirkung reduzieren lassen, trotzdem sind sie in dieser Beziehung ein Volltreffer.

Doch was nun tun mit dieser fast erdrückenden Erwartungshaltung, die sich in den Umfragewerten auf die Partei projiziert? Zuviel Zurückhaltung, zuviel Bescheidenheit können gefährlich sein. Wer jetzt auf die Grünen setzt, will das Gefühl vermittelt bekommen, dass die Partei willens ist, ihre politische Agenda auch in der rauen Wirklichkeit umzusetzen. In Zeiten der politischen Schnelllebigkeit und sich in kurzer Zeit ändernder Stimmungen wäre das schwer genug. Zwei kalte, nasse Sommer könnten den Klimadiskussionen die Spitze nehmen. Eine schlechter laufende Wirtschaft die Bereitschaft reduzieren, die Industrie ökologischer aufzustellen. Das wäre fatal, aber wahrscheinlich.

Es sei denn, der aktuelle Umfrageerfolg der Grünen stachelt die anderen Parteien an, ihrerseits überzeugende Antworten zu liefern, wie dieses Land zukunftsfest entwickelt wird. Energiewende, nachhaltiger Umbau von Wirtschaft und Mobilität, Fachkräftesicherung, Digitalisierung, Bildung, Generationengerechtigkeit. Die Themen liegen alle auf dem Tisch. Viele sind ungelöst.

Einfach nur vor den Grünen zu warnen - wie es die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer am Wochenende getan hat - wird der politischen Konkurrenz nicht helfen. Die Zeiten haben sich seit 2011 fundamental verändert - vom damals grünen Höhenflug zum jetzt offenbar stetigen Steigflug.

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3Kommentare
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    saxon1965
    11.06.2019

    @Freigeist14, ja aber leider haben das schon wieder Viele vergessen oder die Jüngeren wissen es einfach nicht.
    Unsere Parteienpolitik ist ohnehin beliebig. Da steigt eine CDU-Kanzlerin aus der Atomkraft aus, ohne in der EU irgendetwas zu erreichen, denn da werden munter neue AKW`s gebaut oder ein SPD-(Auto)-Kanzler treibt den Abbau des Sozialstaates voran. Solange die Menschen nicht erkennen, für wen unsere Regierenden wirklich arbeiten, solange werden Wählerhoffnungen weiter enttäuscht werden.
    Das Volk braucht keine Privatbanken, keine privaten Miethaie oder Multimillionäre!

  • 5
    3
    Freigeist14
    11.06.2019

    Man muss nicht warten , bis man den Grünen den Verrat ihrer Ideale vorwerfen kann . Denn das passierte spätestens 1999 mit der Zustimmung zum Kosovo-Krieg .

  • 4
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    saxon1965
    11.06.2019

    "Wer jetzt auf die Grünen setzt, will das Gefühl vermittelt bekommen, dass die Partei willens ist, ihre politische Agenda auch in der rauen Wirklichkeit umzusetzen."
    Und genau das wird am real existierenden Kapitalismus scheitern.
    Überspitz beschrieben wollen die Grünen eine Gemeinwohlwirtschaft, denn in der jetzigen lassen sich solchen hehren Ziele nicht erreichen. Dann bleibt auch noch die Frage, nach dem Einfluss Deutschlands Grüner, wenn sie denn regieren würden, auf die Weltpolitik. Realistisch gesehen räume ich deshalb dieser Partei keine Chancen ein, außer sie schaffen es, dass System zu verändern.
    Unter den Grünen-Wählern wird sich schnell Ernüchterung einstellen und des Verrates ihrer Ziele beschuldigt, wird es dieser Partei in Regierungsverantwortung so gehen wie der SPD.
    Um all das umzusetzen, was dringend geboten, gesund, gerecht und friedensfördernd wäre, bedarf es eines Systemwechsels. In diesem werden stets die Einen (Masse) bezahlen, was den Anderen (Wenigen) nützt.



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