Leere in den Lehrerzimmern

Sachsen kann nur 870 von 1100 ausgeschriebenen Lehrerstellen besetzen

Das macht es nicht unbedingt besser: Die Lücke wäre eigentlich viel größer. Also nicht nur, dass erstmals zu Beginn eines Schuljahres der Freistaat Sachsen damit scheitert, wenigstens formal genauso viele neue Lehrer einzustellen, wie er zuvor als Ziel ausgegeben hatte. Nein, das Drama im einstigen "Pisa"-Siegerland ist schon noch ein bisschen schlimmer: Mit 1100 Stellen hatte das Landesamt für Schule und Bildung eh nur so viele ausgeschrieben, wie es nach Sondierung des Lehrermarktes und Kalkulation mit Referendarzahlen für möglich gehalten hatte. Selbst für die Abdeckung von nur 50 Prozent des sogenannten Ergänzungsbereichs - also der so wichtigen zusätzlichen Angebote an den Schulen außerhalb der eigentlichen Stundentafel - wären 1100 besetzte Stellen zu wenig gewesen.

Wenn aber selbst von den limitiert ausgeschriebenen Plätzen jeder fünfte leer bleibt, ist das mehr als ein Alarmsignal. Wenn von 35 Stellen an Oberschulen im Landesamtsbereich Chemnitz gerade mal neun besetzt werden können, geht das an die Substanz. Was werden Schüler und Eltern denken, wenn im neuen Schuljahr mancherorts ganze Fächer ausfallen und ein Nachholen des Unterrichtsstoffs schier unmöglich ist? Und: Wie sollen die bisherigen Lehrkräfte - erst recht jene, für die die Verbeamtung zu spät kommt - die neuen Leerstellen ausgleichen?

Auch eine andere Frage muss erlaubt sein: Warum hat sich die Aussicht auf Verbeamtung eigentlich nicht viel stärker auf die Bewerberzahlen ausgewirkt? Womöglich agiert die Landespolitik in dieser - bis heute formal nicht beschlossenen - Frage zu zögerlich. Eine andere mögliche Antwort ist, dass es diese Verbeamtung mit Ausnahme Berlins in allen anderen Bundesländern gibt, Sachsen also keinen wirklichen Vorteil zu bieten hat. Es könnte sogar sein, dass die erst für 2019 angekündigte Verbeamtung kurzzeitig einen gegenteiligen Effekt erzielt - und Interessenten erst dann nach Sachsen kommen, wenn es so weit ist. Dafür spricht beispielsweise der Umstand, dass jetzt mit nicht einmal 500 Referendaren vergleichsweise wenige neu beginnen. Sie können eben erst ab Januar mit der Einstellung als Beamte auf Widerruf rechnen - und diejenigen, die in den ländlichen Raum gehen, erhalten auch dann erst einen "Anwärtersonderzuschlag" von monatlich 1000 Euro.

Zu hinterfragen ist zudem der behördliche Umgang mit Seiteneinsteigern. Einzelfälle von Enttäuschten, die später anderswo mit Kusshand als neue Lehrer empfangen wurden, lassen daran zweifeln, ob jedem Mitarbeiter im Landesamt der Ernst der Lage bewusst ist.

Vor einem Jahr - da hatten noch Seiteneinsteiger das Schlimmste verhindert - hatte sich die damalige Kultusministerin für die Misere bei den Sachsen entschuldigt. Gestern sprach ihr Nachnachfolger von den "Hypotheken der Vergangenheit". Aber der Blick zurück bringt nichts mehr. Wenn es eine Lehre gibt, dann die, auch finanziell keinen Aufwand zu scheuen, damit es in Sachsen nie wieder zu wenig Lehrer gibt.

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4Kommentare
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  • 5
    0
    aussaugerges
    11.08.2018

    Der Staat (CDU) ist vollkommen unfähig.
    Aber über die DDR hergezogen.

    Erst jetzt sieht man, was das so sehr kleine Land geleistet hat.
    Siehe MDR Sendungen vor 20 Uhr.

  • 5
    0
    HHCL
    10.08.2018

    @1005: Nur ist die Lage leider für solche Scherze viel zu ernst und selbstzufriedene Kaffeetrinker gibt es dort schon genug.

  • 2
    4
    1005
    10.08.2018

    HHCL auf den Punkt gebracht.Ich würde gerne im Schulamt arbeiten,denn Kaffee schmeckt mir auch und die Kaffeemaschine bedienen kann ich auch.

  • 9
    0
    HHCL
    10.08.2018

    "... lassen daran zweifeln, ob jedem Landesamts-Mitarbeiter der Ernst der Lage bewusst ist."

    Natürlich ist der Ernst der Lage nicht bewusst. Solange die Kaffeemaschine läuft und monatlich das Gehalt kommt, ist für die Mitarbeiter die Welt in Ordnung; wozu also um jeden neuen Lehrer kämpfen.

    Ich hoffe sämtliche Eltern, die sich über fehlende Lehrer und ausgefallenen Unterricht beklagen, werden direkt ins Schulamt verwiesen; in Chemnitz also auf die Annaberger-Straße geschickt, und nicht mehr von den Schulleitern auftragsgemäß beschwichtigt. Eher begreifen es die Leute in ihrer heilen Amtswelt nicht, sondern erst wenn dort das echte Leben hereinbricht.



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