Lira-Krise birgt auch Chancen

Zum Absacken der türkischen Währung und dem Konflikt mit den USA

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat viele Feinde, aber sein gefährlichster ist das Geld. Als Autokrat braucht er wirtschaftliche Jubelmeldungen, damit sein Allmachtsanspruch nicht angetastet wird. Doch außer einer Touristenwelle, die gerade wegen der billigen Lira ins Land rollt, gibt es in diesen Tagen nichts Erfolgreiches zu berichten. Die Türkei wankt, der Handelsstreit mit den USA kommt da zur Unzeit.

Die Türkei zahlt bitter für den Vertrauensverlust, den Erdogan durch seine autokratische Politik zu verantworten hat. Es rächt sich, dass er bei der Berufung des Finanzministers auf Loyalität statt auf Expertise gesetzt hat. Seine Ankündigung, der Zentralbank stärker seinen Stempel aufdrücken zu wollen, hat ihr Übriges getan - zumal er sich entgegen der gängigen Wirtschaftstheorie auch noch darauf versteift hat, man müsse die Zinsen senken, um die Inflation zu bekämpfen und die Währung zu stärken. All das hat massiv Kapital aus der Türkei verscheucht, die Inflation hochgetrieben und den Wert der türkischen Lira gegenüber Dollar und Euro verfallen lassen.

Und wie reagiert Ankara auf die Krise, die durch die von den USA am Montag in Kraft gesetzten Strafzölle noch verstärkt wird? Mit Verschwörungspropaganda, Verboten, Drohungen und Strafverfolgung. Doch auch der türkische Präsident wird einsehen müssen, dass Kapitalflucht weder durch derlei Restriktionen noch durch Panzer aufzuhalten ist. Im Gegenteil: Je mehr er durchgreift, desto mehr er befeuert er sie.

Die Leidtragenden werden die türkischen Bürger sein, deren Ersparnisse dahinschmelzen. Türkische Firmen werden Bankrott gehen, weil sie ihre Kredite in Auslandswährungen nicht mehr bedienen können, und Tausende oder gar Hunderttausende ihre Jobs verlieren. Erdogan kann das noch verhindern. Er hat 2002 schon einmal bewiesen, dass er das Land aus einer Krise führen kann. Damals konnte nur mit Krediten des Internationalen Währungsfonds (IWF) eine Staatspleite verhindert werden. Die Regierung mit Erdogan als Ministerpräsidenten setzte die IWF-Auflagen erfolgreich um - in der Folge boomte die türkische Wirtschaft.

Womöglich wird Erdogan auch diesmal die Unterstützung des IWF brauchen. Das wäre zwar eine Demütigung für ihn, weil er dessen Auflagen heute als unzulässige Einmischung betrachtet. Auch wird er verbal abrüsten und seine Zinspolitik ändern müssen. Sollte er dazu aber nicht bereit oder in der Lage sein, werden sich die, die ihm einst zugejubelt haben, von ihm abwenden. Das mag manch einer in der EU begrüßen. An einer Rezession in der Türkei kann aber niemandem in Europa gelegen sein: Zu wichtig sind die Handelspartnerschaft und der Flüchtlingsdeal. Banken aus Italien, Spanien und Frankreich haben zudem viel in türkische Geldinstitute investiert. Zugleich muss die EU aber auch Druck aufbauen. Die Türkei braucht Reformen, eine frei agierende Zentralbank, Pressefreiheit, eine unabhängige Justiz, eine mit den Bündnispartnern besser abgestimmte Außenpolitik. Würde das erreicht, hätte die Krise auch ihr Gutes.

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