Merkels zweite kleine Revolution

Angela Merkel gibt im Dezember den Vorsitz der CDU ab

Respekt. Musste man in den vergangenen Monaten fürchten, Angela Merkel sei die Rationalität abhandengekommen, die sie einst so stark machte, so hat die Kanzlerin am Montag gezeigt: Sie hat sich ihren analytischen Blick auf die Dinge bewahrt. Und zudem: Ihre zweite Stärke, die fehlende Eitelkeit, versetzt sie in die Lage, ihren Abschied als CDU-Chefin und über kurz oder lang auch als Kanzlerin in eine echte Chance für die Partei und - wenn es gut läuft - das gesamte Land zu verwandeln.

Ob es gut läuft, ist freilich noch offen. Merkel, die viel Frust, Wut und Hass auf sich gezogen hat, zum Symbol geworden ist für die Spaltung der Gesellschaft in der Flüchtlingsfrage - diese Frau hat am Montag zunächst einmal der Demokratie etwas Gutes getan. Sie verschafft mit dem angekündigten Abschied aus dem Kanzleramt und der Politik generell, ihrer und anderen Parteien die Möglichkeit zu einer echten Besinnung über das, wofür man steht und was man dafür bereit ist zu tun. In der Zwischenzeit verspricht Merkel, die Republik mit einer zur Vernunft gebrachten Regierungsmannschaft und viel Erfahrung durch die Untiefen dieser Zeit zu steuern. Umbruch und Stabilität zugleich. Das ist nahe der Quadratur des Kreises.

Ob es dennoch gelingt, werden vor allem andere entscheiden. Merkels Macht ist geschrumpft. Daran ändert ihr souveräner Auftritt nichts. Notwendig wäre eine Frischzellenkur der deutschen Demokratie aber ohne Frage. Personell, inhaltlich, aber auch strukturell muss sich diese Demokratie auf neues Terrain vorwagen. Das beginnt bei neuen Formen der Mitbestimmung und endet noch nicht bei der Frage, ob der aktuelle Zuschnitt der Parteien dem Meinungsspektrum in der Bevölkerung noch gerecht werden kann. Demografie, Digitalisierung, Migration - all diese Probleme verweigern sich einfachen Antworten nach althergebrachten Mustern und Weisheiten.

Angela Merkel hat vor vielen Jahren auf eine ähnliche Situation für ihre Partei damit reagiert, dass sie die CDU in die Mitte führte. Mit dem Ergebnis, dass die Partei für größere Teile der urbanen Mittelschicht überhaupt erst wählbar wurde, zugleich aber am rechten Rand Platz ließ für neue Konkurrenz. Ist es nun möglich, das konservative Profil aufzufrischen, ohne die Mitte wieder zu verlieren?

Eine anständige, konservative, zweifelsfrei demokratische Partei ohne Ausflüge in rassistische und extremistische Gefilde würde Deutschland zweifellos guttun. Ob es diese fragmentierte Gesellschaft aber einer Volkspartei wie der CDU ermöglicht, ein solch breites Spektrum von der liberalen Mitte aus bis zu eher national-konservativen Wählern hin abzudecken, weiß heute noch niemand.

Mit diesem Tag ist die CDU jedoch zumindest gezwungen, genau diese Frage im Zusammenhang mit der Nachfolge Angela Merkels zu diskutieren. Allein ein CDU-Parteitag mit drei, vier oder mehr Kandidaten ist schon eine kleine Revolution. Wenn man so will, die zweite, die Merkel ihrer Partei nach der Entmachtung Helmut Kohls zumutet. Die erste zumindest hat nicht geschadet.

Bewertung des Artikels: Ø 3.4 Sterne bei 5 Bewertungen
2Kommentare
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  • 3
    3
    Interessierte
    30.10.2018

    Es ist nur komisch , das fast alle aufatmen und nun neu loslegen wollen , das kam bisher noch gar nicht so zum Ausdruck ....

  • 4
    5
    saxon1965
    30.10.2018

    Merkel-Rücktritt ist gleich "...und - wenn es gut läuft - das gesamte Land zu verwandeln."
    Merkel-Kanzlerschaft ist gleich "... zum Symbol geworden ist für die Spaltung der Gesellschaft in der Flüchtlingsfrage."
    Unsere Demokratie braucht eine "Frischzellenkur" und anderen Parteien die Möglichkeit zu einer echten Besinnung über das, wofür man steht".
    DAS alles haben wir der Regentschaft Merkel zu "verdanken". Und was sie uns noch alles "eingebrockt hat", werden wir noch schneller merken als es uns lieb sein kann.
    Man sollte auch aufhören, die CDU als Partei der Mitte zu deklarieren. Die Mitte der Gesellschaft soll uns eine Mehrheit suggerieren. Bei Wahlergebnissen von unter 30 Prozent, bei Wahlbeteiligungen von rund 70 Prozent, kann man bei Weitem nicht von der Mitte sprechen!



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