Miteinander reden macht klüger

Über das neue Dialogformat "Chemnitz diskutiert"

Der andere könnte recht haben. Das war der Leitgedanke unseres neuen Gesprächsformats "Chemnitz diskutiert". Der andere könnte recht haben. Den Satz haben wir bei Armin Nassehi aufgelesen. Der renommierte Münchner Soziologe macht ihn zur Grundregel für ein erfolgreiches Gespräch in der Demokratie. Man müsse akzeptieren, dass es auch andere Lösungen gibt. Die Teilnehmer bei "Chemnitz diskutiert" haben sich darauf eingelassen. Es ging um die Sicherheit in der Stadt. Nach mehr als vier Stunden am Dienstagabend ließ sich feststellen: Es geht. Über große politische Differenzen hinweg gab es den Willen und die Fähigkeit, die wahrgenommenen Probleme zu beschreiben und nach Lösungsansätzen zu suchen.

Am Ende standen viele Vorschläge, gemeinsame Absichten, aber natürlich kein Konsens. Wie auch? Zwischen der Flüchtlingshelferin und dem aktiven Gegner dieser Migrationspolitik liegen nach wie vor Welten. Dazwischen viele, die mal hier, mal da Anknüpfungspunkte finden, Menschen, die aus vielen Gründen Sorgen haben, Angst. Menschen, die unzufrieden sind mit dem demokratischen System, so wie sie es erleben. Und Menschen, die nicht verstehen können, wie leichtfertig man dieses System aufs Spiel setzt. Bei "Chemnitz diskutiert" haben sie alle gesprochen. Nicht übereinander, sondern miteinander.

Dass Deutschland derzeit von einer tiefen Krise erschüttert wird, die längst nicht nur mit Flüchtlingen zu tun hat, hängt auch damit zusammen, dass in den Jahren der Kanzlerschaft von Angela Merkel der Streit eingeschlafen war. Wenn Politik "alternativlos" wird, macht Streit keinen Sinn. Zudem agierte die Kanzlerin oft ausgesprochen pragmatisch, frei von Ideologie, entzog die Themen dem klassischen Rechts-links-Schema und somit dem politischen Streit den Stoff. Sie hatte damit Erfolg. Denn Streit ist auch bei den Wählern nicht beliebt. Gerade in Ostdeutschland ist der Wunsch groß, die Politik möge doch alles irgendwie im Einvernehmen lösen. Das ist verständlich, verkleistert jedoch auch Konflikte, die ausgetragen werden müssen.

Eine Demokratie zeichnet sich dadurch aus, dass sie es versteht, neue Bedarfe zu erkennen und ihnen gerecht zu werden. Wenn es aber an Streit fehlt, an einer offenen Debatte, kann sich dieser Bedarf nicht rechtzeitig Geltung verschaffen, bleibt versteckt, wächst trotzdem weiter an und steht plötzlich als riesiges Problem mitten im Raum. Mitten in Deutschland.

Dann sind die da, die schon immer darauf gewartet haben, dass diese Demokratie Schwächen zeigt. Extremisten, die die Regie übernehmen, Ängste und Sorgen in Kanäle lenken, die das Fundament der Gesellschaft unterspülen.

Wer ihnen die Substanz nehmen will, muss zum einen - eines der Ergebnisse von "Chemnitz diskutiert"- dem Recht in jeder Hinsicht Geltung verschaffen. Eine klare Erwartung der Teilnehmer. Und er wird den Streit aushalten müssen, das offene Gespräch suchen, statt der Bestätigung. Das macht klüger. Denn: Der andere könnte recht haben. Wir werden das neue Gesprächsformat deshalb fortführen, nicht nur in Chemnitz.

Chemnitz diskutiert: das Special mit allen Texten.

Bewertung des Artikels: Ø 3.8 Sterne bei 4 Bewertungen
5Kommentare
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  • 7
    3
    BlackSheep
    06.10.2018

    @Blackadder, "Wenn man keine Probleme erkennt oder sie immer nur bei anderen sucht, bringt das nichts." Das aus Ihrem Mund, ich bin beeindruckt. Sie haben wohl schon vergessen wie viele von Ihnen als Rechte abgestempelt wurden die über Probleme geredet haben?

  • 5
    7
    Blackadder
    06.10.2018

    @Interessierte: Nö. Ich sage nur meine Meinung , ich muss weder Brücken bauen noch irgendwen überzeugen. Mich ärgern falsche Informationen in Kommentaren, die ich versuche richtig zu stellen, was jeder damit macht, ist ihm/ihr überlassen.

  • 1
    7
    Interessierte
    06.10.2018

    Sie sind doch auch so ein Brückenbauer ....

  • 7
    7
    Blackadder
    06.10.2018

    "Miteinander reden macht klüger", liebe Interessierte. Man muss es aber schon auch wollen. Wenn man keine Probleme erkennt oder sie immer nur bei anderen sucht, bringt das nichts.

  • 7
    0
    KatharinaWeyandt
    06.10.2018

    Wichtiges Special. Wir als Brückenbauer Chemnitz e. V. haben dazu schon am 2. September auf dem Neumarkt einiges gesagt, was zum Teil in die gleiche Richtung geht https://brueckenbauerchemnitz.wordpress.com/2018/09/04/was-ist-jetzt-zu-tun/
    Eine Anmerkung noch: Es gibt die Möglichkeit von 1-Euro-Jobs für Asylbewerber (bzw. 80 %, sie kriegen von allen Leistungen ja 20 % weniger). Aber wie man auf der Website der Stadt Chemnitz nachlesen kann, gibt es hier keine 50 Jobs dieser Art. Andere Städte nutzen das Instrument viel mehr aus, denn Arbeit ist ein Mittel der Integration. In die Chemnitzer Brücke kommen täglich lernwillige Flüchtlinge, aber wir haben aktuell zu wenig deutsche Mitarbeiter.



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