Mühe statt Mausklick

Zur Aktion "Soko Chemnitz" des "Zentrums für politische Schönheit"

Kunst gibt keine Antworten. Sie stellt auch keine Fragen. Kunst grillt, wenn sie gut ist, die Synapsen derart, dass man nicht darum herumkommt, selbst Fragen zu entwickeln - so dringlich, dass man die Antworten braucht. Sie kommt also gar nicht darum herum, grenzwertig zu sein - wie die Aktion "Soko Chemnitz" des "Zentrums für politische Schönheit".

Was oberflächlich nur wie eine satirische Kampagne in der Internet-Sportart "Sachsen-Bashing" aussieht, krallt sich den Betrachter spätestens dann unangenehm, wenn man sich ernsthaft vor die "Pranger"-Website setzt, allein mit seinen Gedanken. Worüber muss man sich als Akteur eigentlich klar sein, um eine Denunziation von einer Anzeige unterscheiden zu können? Was ist der Unterschied zum "Lehrer-Pranger" der AfD, der, nebenbei gesagt, weniger aggressiv gestaltet war? Wo landen die Mails, die man in die Tiefen des Internets einwirft? Diese Fragen muss man schon für sich selbst klären. Denn da sind ja auch diese "Täterbilder", von denen niemand bezweifelt, dass sie mit geringem technischen Aufwand aus jeder x-beliebigen Menschenmenge wirklich gezogen werden können: Es ist ja wirklich allein der politische Geist, in dessen Hand die Videos der einmal installierten Überwachungstechnologie sind, der bestimmt, wer "Gefährder" ist.

"Soko-Chemnitz.de" ist so derb unangenehm, dass man trotz einiger unwillig satirischer Farbspritzer schon gehörige Wut braucht, um sie gebräuchlich zu finden - sie reibt einem ihren protofaschistischen Grundansatz mit Begriffen wie "Gesinnungskranken" recht unverblümt unter die Nase. Was macht diese Wut nun mit einem? Kann man das Falsche tun, um das Richtige zu erreichen? Steckt das hinter der Idee einer "Intoleranz gegenüber der Intoleranz"? Oder fällt uns noch was besseres ein? Und wenn man mit dem Cursor über dem "Senden"-Knopf eines der Anschwärz-Formulare kreist: Ist man nicht schlicht versucht, ein gravierendes Gesellschaftsproblem mit einem mühelos schmerzfreien Mausklick lösen zu wollen? Was will man denn erreichen: Offenheit? Oder schnelle politische Triebabfuhr? "Soko Chemnitz" illustriert eindringlich die aktuelle Hilflosigkeit im gesellschaftlichen Gegeneinander - und die Notwendigkeit, Phrasen gegen echte Argumente zu tauschen.

Bewertung des Artikels: Ø 3.6 Sterne bei 8 Bewertungen
5Kommentare
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  • 3
    6
    DTRFC2005
    05.12.2018

    Sehr treffend verfasster Artikel. Da fällt mir ein Zitat von Michelangelo ein ( hatte ich in einer Serie gehört)."Kunst hat die Aufgabe wachzuhalten, was für uns Menschen so von Bedeutung und notwendig ist." Die Künstlergruppe rüttelt die Menschen wach, denn es wird leider viel zu schnell vergessen.

  • 17
    6
    Ellen16
    04.12.2018

    Das ist keine Kunst mehr... Kunst kommt von Können!!
    Dieser menschenunwürdige Aufruf einer kleinen Gruppe verursacht bei mir nur Würgereiz.
    Das Ansehen der Stadt Chemnitz und aller Bürger die dort wohnen wird wiederholt geschädigt.

  • 19
    7
    JochenV
    04.12.2018

    Wer weiss, von welchen NGOs so etwas gesponsert wird, dann ist es vielleicht schon gar nicht mehr links, Angriff auf die Grundrechte von Meinungs- und Versammlungsfreiheit aber auf jeden Fall. Deshalb sollte es auch nicht mit "du-du" abgetan sein.

  • 26
    6
    norbertfiedler
    03.12.2018

    Kunst legitimiert keine Straftaten.

  • 26
    10
    BlackSheep
    03.12.2018

    Die Sache ist für mich eigentlich einfach, wenn ich die Dinge benutze die ich bei anderen verurteile, dann ist mein Anliegen scheinheilig und verlogen. Völlig richtig ist der Ansatz das dieses Gedankengut Faschismus von links ist.



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