Nehmt ihnen die Smartphones weg!

Zu Plänen des Bundesrats, Fotos toter Unfallopfer unter Strafe stellen

Natürlich ist es gut, wenn der Bundesrat darauf dringt, tote Unfallopfer künftig ebenso vor Handyfilmern zu schützen, wie es das Gesetz für Verletzte vorsieht. Gegen den Vorstoß, Ahndungsmöglichkeiten gegen Gaffer zu verschärfen, gibt es demnach keine Einwände. So würde zum Gesetz erhoben, was Journalisten, die ja auch mit Bildern über Unfälle berichten, sich bisher als freiwillige Selbstverpflichtung auferlegt haben: Berichterstattung "findet ihre Grenze im Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen. Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden". So steht es unter Ziffer 11 im Pressekodex, über dessen Einhaltung der Presserat wacht, der Verstöße mit seinen, nicht strafrechtlichen, Mitteln ahndet.

Auch dass Rettungsarbeiten nicht zu behindern sind, sollte nicht nur Berufsethik von Journalisten sein, sondern ethisches Prinzip für jeden. Das sah auch der Gesetzgeber bei der jüngsten Verschärfung des Strafgesetzes vor zwei Jahren so. Damals ergänzte man den unterlassene Hilfeleistung regelnden Paragrafen 323 c um den Straftatbestand des Behinderns Hilfe leistender Personen. Ein Vorteil: Dadurch wird das Handy zum "Tatmittel" und kann eingezogen werden. Das tut weh!

Der Strafrahmen: bis zu ein Jahr Haft. Zwei Jahre drohen sogar in Verbindung mit Paragraf 201 a, der seit zwei Jahren Fotos von Verletzten unter Strafe stellt. Wer "Hilflosigkeit" von Personen "zur Schau stellt", verletzt deren "höchstpersönlichen Lebensbereich", heißt es da. Es ist nur konsequent, tote Opfer vom Schutz nicht länger auszunehmen.

Fraglich ist nur, ob Gesetzesverschärfung dem Problem der Gaffer und Hobbyfilmer an Unfallorten wirklich wirksam begegnen kann. Es bedürfte zusätzlichen Personals, die Gesetze konsequent durchzusetzen. Per Smartphone filmende Gaffer müssten "merken, was sie eigentlich tun". Mit dieser Gewissheit begründete Polizist Stefan Pfeiffer seine Konfrontationsstrategie, mit der er jüngst im Netz Bekanntheit erlangte, als er den einen tödlichen Unfall filmenden Fahrer aus seinem Auto holte und ihm zynisch anbot, gleich noch die Leiche zu fotografieren. Die direkte Konfrontation schockiere Täter und mache klar: "Das ist hier kein Spiel, sondern bittere Realität", erörterte Pfeiffer. Ein anderer Polizist, der einen Unfallfilmer vom Steuer holte, trieb diesem Tränen ins Gesicht mit der Frage: Möchte die Familie des Toten das vielleicht über die sozialen Medien erfahren?

Wenn überhaupt etwas nachhaltige Selbstreflexion bei Tätern auszulösen vermag, dann sind es solche Konfrontationen. Sie helfen, sich in die Lage von Angehörigen zu versetzen. Das kann lehrreich sein. Doch haben Polizisten im Unfalleinsatz Wichtigeres zu tun, als Smartphone-Filmer abzuschrecken. Daher sind Multiplikationsformen wichtig. Neben dem Video des Polizisten Stefan Pfeiffer gibt es die Aktion "Schaulustige - Sei kein Gaffer", für die ein Filmteam in Osnabrück mit der Feuerwehr einen Film erstellt hat. Es zeigt eine Gruppe Handy-Gaffer, deren Anführer am Ende schmerzlich klar wird, wer die gerade gefilmte Unfalltote ist - die eigene Mutter.

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