Nur der Anfang ist gemacht

Clubverantwortliche, die den Erfolg des Neustarts bejubeln, Politiker, die bereits das Ende von Geisterspielen in Aussicht stellen, Fernsehsender, die Rekordquoten vermelden - nach dem nahezu unfallfreien Neustart der beiden Fußball-Bundesligen nach der zweimonatigen Coronapause wird sich kräftig auf die eigene Schulter geklopft. Das ist verständlich, doch es könnte verfrüht sein. Mit dem 26.Spieltag, der am heutigen Montagabend endet, ist nur der erste Schritt gemacht.

Dass die Erleichterung allerorts groß war, ist nachzuvollziehen. Die Clubs brauchen die in den Etats eingeplanten Fernsehmillionen. Und: Die Zeit vor dem Spieltag lief eben nicht so reibungslos wie gewünscht. Da waren Profis dank selbst gedrehtem Video im Internet zu sehen, die auf die Hygienevorschriften pfiffen. Ein Trainer erzählte auf einer Pressekonferenz frei von der Leber weg eine nette Geschichte davon, wie er die im Konzept vorgesehene Quarantäne missachtete. Egal, was man von den Vorschriften, Vorgaben und Einschränkungen hält - dank des vielseitigen Papiers gab die Politik Grünes Licht für die Wiederaufnahme des Spielbetriebes.

Der erste Spieltag blieb unfallfrei, es stehen acht weitere auf dem Programm - mit zahlreichen Gefahren für das Kartenhaus, das sich die DFL aufgebaut hat. Vor dem Neustart zogen die Mannschaft samt Trainern und Betreuern in ein siebentägiges Quarantäne-Trainingslager. Diese Möglichkeit der Kontrolle fällt in den kommenden Wochen weg. Von den Spielern wird viel Disziplin verlangt. Insbesondere in Zeiten, in denen jeder mit einem Smartphone Filme und Fotos veröffentlichen kann. Ob das nun ein Profi selbst ist oder jemand, der ihn erkennt.

Doch es sind nicht nur mögliche Fehltritte einzelner, die das Kartenhaus zum Einsturz bringen können. Mit Dynamo Dresden musste am Wochenende eine Mannschaft in der vom Gesundheitsamt verordneten Quarantäne zuschauen, während die direkte Konkurrenz im Kampf gegen den Abstieg aus der 2. Bundesliga mit Siegen davonzog. Vor der Coronapause witterte Dynamo dank zweier Siege in Serie Morgenluft. Es ist durchaus möglich, dass der Zug in puncto Klassenerhalt bereits so gut wie abgefahren ist, noch bevor die Dresdner überhaupt wieder ran dürfen. Mal vom Trainingsrückstand abgesehen, den Dynamo den Rest der Spielzeit mit sich herumschleppt. Fairer Wettbewerb sieht anders aus. Nicht ausgeschlossen, dass bis Ende Juni weitere Mannschaften ein ähnliches Schicksal trifft.

Wie werden sich die Fanlager in den nächsten Wochen verhalten? Insbesondere, wenn der Frust wie bei Fällen von Dynamo Dresden wächst. Zu welchen Aktionen bestimmte Gruppierungen bereit sind, hat die Vergangenheit zur Genüge gezeigt.

Es bleibt zu hoffen, dass das Kartenhaus hält. Wegen der zahlreichen Jobs, die davon abhängen. Wegen des sportlichen Wettbewerbs - denn eine Spielzeit lässt sich nicht für alle Teams fair abbrechen. Elementar für die Fortsetzung der Saison wird sein, wie sich die Ergebnisse der Coronatests nach den Partien vom vergangenen Wochenende entwickeln. Es hätte so manchem gut zu Gesicht gestanden, zumindest diese Erkenntnis abzuwarten, bevor man den ersten Spieltag zur Erfolgsgeschichte erklärt.


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