Öffentlicher Druck, verbogene Realität

Zu den Reaktionen auf die tödliche Messerattacke auf Daniel H.

Chemnitz muss ein Ort in einem Roman von Tom Wolfe sein. Zu grotesk sind manche Auswüchse im Nachhall der Messerattacke, die die Stadt seit einem Jahr in Atem hielt. Ähnliche Verdrehungen der Realität dachte sich der US-Autor für sein gesellschaftssatirisches Werk "Fegefeuer der Eitelkeiten" aus. Um eins klar zu sagen: Das Schicksal von Daniel H. ist weder Satire noch lustig. Es ist ein tragischer, ein zu betrauernder, ein nach Möglichkeit zu sühnender Tod. Eben einer, bei dem es für die Familie und auch für die öffentlichen Wogen hilfreich wäre, wenn ein verantwortlicher Täter zur Rechenschaft gezogen werden könnte. Genau das hat die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig vor Monaten formuliert. Völlig korrekt, wenngleich der Zeitpunkt ihrer Äußerung kurz vor Prozessstart ungeschickt gewählt gewesen sein mag. Verknappt wurde sie seither oft wiedergegeben, als wünsche sie sich eine Verurteilung des Angeklagten Alaa S. um jeden Preis. Mitnichten!

Doch reiht sich die schräge Wiedergabe von Ludwigs Worten nur nahtlos in groteske Darstellungen der Ereignisse ein, die sich unterschiedliche Seiten je nach Interessenlage zurechtbogen. Nach der tödlichen Attacke gewannen zuerst Hooligans und Rechtsextreme die Deutungshoheit. Sie verklärten Daniel H. zum Retter, der starb, weil er einer bedrängten Frau half. Mag so ein Verhalten sogar seiner Persönlichkeit entsprochen haben - für den Hergang der Tatnacht stimmt es nicht. Nach Aussage eben jener angeblich bedrängten Frau wurde sie nicht bedrängt. Es ging um andere Dinge. Nach Erkenntnissen der Ermittler möglicherweise um Geschäfte mit Kokain. Noch mal: Daniel H. s Tod würde das keinen Deut weniger schlimm machen, doch ließe ein solcher Hintergrund eines wie ein Zerrbild wirken: Jenen Tross aus Rechtsextremen, die am 1. September durch Polizeikordons drängten, um am Tatort auf Knien "Daniel-, Daniel"-Choräle anzustimmen. Es wäre der erste drogenbedingt Getötete, dem von rechtsextremer Seite derart gehuldigt wird. Auch um den Begriff "Hetzjagd" entspannen sich kuriose Debatten. Fakt ist, es gab Jagdszenen, Fakt ist auch, gegen Ausländer wurde gehetzt. Skandiert wurde ebenso. "Adolf- Hitler-Hooligans" war zu hören. Nur deckt das alles eben nicht den Begriff Hetzjagd.

Im Prozess hörte der Kampf um die Deutung nicht auf. Die Verteidiger von Alaa S. verkauften ihre rechtliche Würdigung stets, als wäre nur diese Fakt. Dass es keineswegs ein von den Verteidigern als unglaubwürdig diskreditierter Dönerkoch allein war, der von Alaa S.' Tatbeteiligung sprach, sondern mehrere Zeugen, unterschlug man gern. Wofür es in der Tat nur den einen Zeugen gibt, ist, dass Alaa S. und der flüchtige Farhad A. mit "stechenden Bewegungen" aufs Opfer eingewirkt haben sollen. Dass Alaa S. sich jetzt im ZDF aber als völlig unbeteiligt beschrieb, macht ihn selbst nicht glaubwürdiger. Im Prozess schwieg er fünf Monate. Wenn er nun lieber im TV spricht, passt das ins Bild. Öffentlicher Druck bis zuletzt. Auf die Urteilsfindung habe die TV-Äußerung keine Auswirkung, sagt das Gericht. Gut so! Anders ist es mit dem Alaa S. am Donnerstag zustehenden "letzten Wort" vor dem Urteil.

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