Ohne Respekt geht es nicht

Die Demonstrationen in Chemnitz zeigen einen Riss in der Gesellschaft. Sachsens Ministerpräsident sucht das Gespräch mit den Bürgern.

Die Demonstrationen am Montag in Chemnitz haben einmal mehr deutlich gemacht, wie in Deutschland - und speziell auch in Sachsen - das gesellschaftliche Gefüge auseinanderdriftet. Statt die Trauer um das Opfer einer Bluttat zu einer Vergewisserung des inneren Zusammenhalts zu machen, zeigten sich die tiefen Risse der Gesellschaft. Zwei Lager, die sich unversöhnlich und ohne jedes gegenseitige Verständnis feindselig und zum Teil gewaltbereit gegenüberstehen. Vernunft und Anstand blieben auf der Strecke.

Die Allianz von normalen Bürgern, die ihrer Trauer, Wut und Angst Ausdruck verleihen wollten, mit einem rassistischen Mob, der zum Teil aus ganz Deutschland angereist war, hat die Öffentlichkeit in Deutschland aufgeschreckt. Doch was kann man tun, um wieder zu einer zielführenden Debattenkultur zu kommen? Wie kann es künftig gelingen, den gesellschaftlichen Diskurs wieder mit guten Manieren zu führen?

Eine lebendige Demokratie braucht den Meinungsstreit. Alle Argumente müssen auf den Tisch, um letztlich zukunftsfähige Entscheidungen zu treffen. Doch das Vermögen, in komplexen politischen Fragen auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, schwindet zunehmend. Die großen Vereinfacher finden immer mehr Zuhörer und zerstören das Vertrauen in den langwierigen und oft anstrengenden demokratischen Prozess der demokratischen Meinungsbildung. Das ist eine schleichende Gefahr für die Demokratie. Wir brauchen in Deutschland keine politischen Debatten mit Schaum vor dem Mund, sondern ein nüchternes Abwägen des politisch Möglichen.

Debatten und Gespräche mit politisch Andersdenkenden sind nie einfach und immer eine Herausforderung. Die Ereignisse in Chemnitz zeigen, dass es notwendig ist, die Spaltung der Gesellschaft nicht weiterzutreiben, sondern wieder ins Gespräch zu kommen. Dafür müssen neue Formen gefunden werden. Und eine Grundregel muss dabei für alle gelten: Der gegenseitige Respekt vor der Meinung des Anderen.

Demokratie und Freiheit gibt es nicht umsonst, sie müssen täglich verteidigt und eingeübt werden. Das fängt in der Schule an. Dort müssen Konflikte auch mal zugelassen und demokratisch ausgetragen und gelöst werden. Dem Stolz der Bildungspolitik auf gute Ergebnisse in Mathematik und Naturwissenschaften müsste eine Initiative für humanistische Bildung und demokratische Regeln folgen. Bildung ist das beste Mittel gegen Geschichtsvergessenheit und Rassismus.

In Chemnitz, in Sachsen und in ganz Deutschland kommt es zudem darauf an, so etwas wie den sozialen Kitt wiederherzustellen. Das geht nicht von heute auf morgen. Die Stärkung der Bürgergesellschaft erfordert eine Besinnung auf das soziale Kapital als eine Art Energiereserve der Gesellschaft. Das erfordert Investitionen in die Infrastruktur für Vereine, gesellschaftliche Verbände, Jugend- und Sporteinrichtungen bis hin zu den Familien. Sozialen Zusammenhalt in einer Gesellschaft gibt es nicht zum Nulltarif.

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