Raus aus dem Fußball-Schatten

Seit Donnerstag laufen die European Championships

Es lebe der Fußball! Und nur der Fußball. So denken nicht nur Millionen Fans in Deutschland, sondern seit Jahren auch die TV-Sender. Nun beginnen zwischen Fußball-WM und Bundesliga-Start, mitten im Sommerloch, die ersten European Championships. Es ist eine Kompakt-Europameisterschaft in sieben Sportarten nach dem Motto "Gemeinsam sind wir stärker". Der Zuschauer kann sich auf über 100 Stunden Sport bei ARD, ZDF und Eurosport freuen. Oder ärgern - je nach Vorlieben.

Das Ziel ist klar: Im Wettbewerb mit dem übermächtigen Fußball soll damit mehr Publikum angelockt werden. Ob das Konzept aufgeht? Beim Wintersport funktioniert die Dauerberieselung mit Biathlon, Rodeln, Skirennen und so weiter. Aber im grauen und kalten Winter will auch niemand unbedingt weg von Sofa und Glotze.

In der Urlaubs- und Sommerzeit sind einfach die Rahmenbedingungen anders. Dennoch ist das neue Großereignis eine Riesenchance für Sportarten, die sonst nur noch selten bis nie im Rampenlicht der TV-Kameras stehen: etwa Freiwasserschwimmen, Mountainbike, BMX, Golf, Turnen oder Rudern. Auch bei den Beckenschwimmern und in der Leichtathletik war früher schon mehr öffentliches Interesse zu spüren.

Die Macht der Zusammenlegung wird aber nicht reichen, diese Sportarten auf Dauer fernsehtechnisch aufzuwerten. Es müssen Erfolge, Tragödien und große Geschichten her. Leider werden bei den European Championships nicht in allen Sportarten die Besten ihres Faches antreten. Für viele europäische Verbände ist die Multi-EM nach Vorbild der Asien- und Panamerikaspiele dennoch so etwas wie ein letzter Hoffnungsschimmer, überhaupt noch Aufmerksamkeit und somit zumindest einen Bruchteil des gigantischen Werbe- und Rechte-Kuchens in der Sportvermarktung abzubekommen. Allerdings sind schon die "Europaspiele" in Baku 2015 für den Sender Sport 1 mehr oder weniger gefloppt. Die Spiele mit 20 Sportarten hatten die europäischen Olympischen Komitees veranstaltet.

Ist nun das aktuelle Engagement der Öffentlich-Rechtlichen wirklich glaubwürdig? Mit ARD und ZDF spielen sich jetzt diejenigen zum Retter der Sportarten auf, die sie vorher fast komplett vom Bildschirm verbannt hatten - von der Leichtathletik oder Schwimmen mal abgesehen. Sie haben gerade mal locker 218 Millionen Euro für die Übertragungsrechte der Fußball-WM bezahlt und setzen damit auch finanziell Prioritäten. Die European Championships sind bei weitem nicht so lukrativ und werbewirksam wie König Fußball. Wenn das Interesse ausbleibt und die Einschaltquoten niedrig sind, dann werden diese Sender schnell wieder abspringen.

Das waren noch Zeiten, als in der "Sportschau" oder in "Sport aktuell" auch noch Handball, Hockey, Basketball oder Pferderennen zu sehen waren. Reine Sport-Nostalgie. Heute wird etwa bei "Sport im Osten" gefühlt fast jeder müde Fußballkick live übertragen.

Es lebe das glamouröse Sport-Event im Multi-Pack. Vielleicht zerreißt Diskushüne Robert Harting wieder sein Trikot. Das gibt Quoten.

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