Vereint in Stadt, Land, Frust

Eine Studie untersucht die Zukunftsfähigkeit deutscher Regionen. Die alternde Bevölkerung bleibt großes Problem im Osten. Die Westregionen kämpfen mit einer schlechten Infrastruktur.

In ziemlich genau drei Monaten steht ein großes Jubiläum an, der 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution. Dieses Datum bietet wiederkehrend Gelegenheit, das Zusammenwachsen von Ost und West genauer in den Blick zu nehmen. Meist gibt es die einen, die sagen, Ost und West seien nach wie vor sehr weit voneinander entfernt und der Osten weit abgeschlagen. Und es gibt die anderen, die finden, dass sich die beiden Teile des Landes doch viel ähnlicher geworden seien, als von Ersteren behauptet. Letztlich stützen sich beide auf ihre subjektive Wahrnehmung. Lebensalter, Wohnort, soziale Situation spielen dabei eine Rolle.

Die Wissenschaft versucht es hingegen mit Objektivität. Die Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft haben Kriterien festgelegt, um der Frage nach innerdeutschen Unterschieden und Ähnlichkeiten auf den Grund zu gehen. Und ihr Befund deckt sich mit dem, was wohl die meisten ohnehin vermutet haben. Es ist nämlich nicht schwarz-weiß, sondern es dominieren die Zwischentöne. Oder anders gesagt: West und Ost sind in Problemen wie in Erfolgen zusammengewachsen.

Es gibt hierfür reichlich Beispiele. Während vor 30 Jahren eine marode Ost-Wirtschaft auf eine prosperierende West-Industrie traf, haben heute Städte wie Dresden, Jena und auch Chemnitz etliche Regionen etwa im Ruhrgebiet überholt. Oder während hohe Mieten lange vor allem ein Problem westdeutscher Metropolen war, ächzen inzwischen auch Mieter in Leipzig. Zugleich nimmt der Leerstand auf der Schwäbischen Alb im reichen Baden-Württemberg zu. Oder das Beispiel Autobahnen. Während im Osten meist gut ausgebaute Fahrbahnen bereitstehen, erinnern die Autobahnen im Westen auf vielen Streckenabschnitten an die Holperpisten aus DDR-Zeiten. All das gehört zur komplexen innerdeutschen Wirklichkeit dazu.

Auch beim Thema Zuwanderung gleichen sich die beiden Teile Deutschlands zunehmend an. Gerade Regionen mit alternder Bevölkerung, die zukunftsfähig bleiben wollen, werden auf Zuwanderung angewiesen sein und sich darum bemühen müssen, Arbeitskräfte aus dem Ausland zu finden. Wer dagegen in der Migration das schlimmste aller Probleme sieht, muss schlüssige Antworten geben, wie er ohne sie die Zukunftsfähigkeit alternder Landstriche gewährleisten will. Man darf auf die Lösungsvorschläge gespannt sein.

Fest steht, dass die Politik einen gewaltigen Beitrag leisten muss, um die ländlichen Regionen wieder zu attraktiven Lebensorten zu machen. Der Anachronismus liegt ja genau darin, dass Menschen im digitalen Zeitalter zur Arbeit in die Stadt fahren müssen. Hätten sie ordentliches Internet auf dem Land, könnten sie einen Teil ihres Jobs zu Hause am Rechner erledigen. Es täte den überfüllten Städten und dem dünn besiedelten Land gut. So wie die Situation jetzt ist, sorgt sie indes für viel Frust - bei denen, die wegziehen müssen, die pendeln und bei denen, die allein auf dem Land zurückbleiben.

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