Vernunft lässt Kurse steigen

Verunsicherung und unklare Verhältnisse sind Gift für die Börse. Wenn sich aber die Vernunft durchsetzt, kann das die Kurse treiben. Zum Auftakt der letzten Handelswoche an den Finanzmärkten hat deshalb am Montag der deutsche Leitindex Dax ein neues Rekordhoch erreicht. Die Anleger honorieren damit die Einigung der Europäischen Union mit Großbritannien auf einen Handelsvertrag. Der No-Deal-Brexit, von dem niemand so richtig wusste, welches wirtschaftliche Chaos er zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU anrichten würde, ist damit abgewendet. Hinzu kam, dass US-Präsident Donald Trump seine Blockade des US-Konjunkturpakets aufgegeben hat und damit auch in den Vereinigten Staaten die Unsicherheit über die wirtschaftlichen Impulse beseitigt wurde.

Mit der Einigung auf einen Handelspakt am Heiligabend haben die EU und Großbritannien der Welt gezeigt, dass das Tischtuch zwischen Kontinent und Insel nicht vollständig zerrissen ist. Trotz der ideologischen Engstirnigkeit der britischen Brexit-Hardliner konnten sich die Unterhändler auf einen Kompromiss einigen, der hoffentlich tragfähig ist und zudem zukünftigen Regierungen in London die Möglichkeit gibt, die Handelsbeziehungen auch wieder zu intensivieren. Das Vernünftigste an dem Abkommen ist allerdings, dass der hohe Schaden, den ein Brexit ohne Vertrag verursacht hätte, abgewendet werden konnte.

Wie festgefahren die Verhandlungen waren, zeigte sich auch daran, dass nun ausgerechnet die Fischerei der letzte Knackpunkt war, an dem alles noch hätte scheitern können. Schon beim Brexit-Referendum diente den Brexit-Befürwortern die Fischerei als emotionaler Stoff für ihre Märchenerzählungen über die europäische Hegemonie. Dabei trägt die Fischerei gerade mal 0,1 Prozent zur britischen Wirtschaftsleistung bei. Auch in den EU-Mitgliedsstaaten hat diese Branche nur in Malta eine größere Bedeutung. Bei den anderen EU-Ländern werden jeweils weniger als 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von den Fischern erwirtschaftet.

Trotz des Abkommens wird sich zwischen Großbritannien und der EU einiges ändern. Es wird beispielsweise Warenkontrollen an der Grenze geben müssen, um die Produktstandards zu überprüfen. Oder Pakete müssen bei den Zollbehörden angemeldet werden. Als schwerer Nachteil wird sich auch erweisen, dass Großbritannien das Erasmus-Programm verlässt, mit dem Studierende ihre Auslandsemester absolviert haben.

Die Briten werden bald feststellen, dass der Brexit das Vereinigte Königreich am Ende härter trifft als die Europäische Union. Der EU-Austritt wird sich wirtschaftlich nicht positiv auswirken, im Gegenteil. Denn der Anteil der EU am Handel Großbritanniens ist viel größer als umgekehrt. Die EU ist für das Vereinigte Königreich der größte Markt. Im vergangenen Jahr schickte die britische Wirtschaft 47 Prozent ihrer Exporte über den Ärmelkanal. Die Hälfte der Importe Großbritanniens kommt aus der EU, für die das allerdings nur vier Prozent des gesamten Exportgeschäfts darstellt. Eigentlich ist Großbritannien deshalb auf eine enge Partnerschaft mit der EU angewiesen. Es wird Zeit, dass sich diese Einsicht durchsetzt.

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