Verpuffte Aufbruchstimmung

Sachsens CDU hat ihren jahrzehntelang unangefochtenen Nummer-1-Status endgültig verloren. Zum zweiten Mal hintereinander ist sie bei einer landesweiten Abstimmung von der AfD übertrumpft worden. Ein Resultat, das bis vor kurzem undenkbar schien. Aber so ist das halt mit der Demokratie. Es gibt kein Abo auf die Pole-Position, nicht einmal für eine seit 29 Jahren dauerregierende Partei.

Dabei lohnt es sich, nicht nur auf die Prozente zu schauen. Mit nicht einmal mehr 475.000 Wählern zur Europawahl hat die Sachsen-CDU im Vergleich zur Bundestagswahl fast jeden dritten Unterstützer eingebüßt. Klar, die Wahlbeteiligung war niedriger. Aber: Seit der als Schmach empfundenen Pleite von 2017 hat sich die CDU an der Spitze von Fraktion und Partei personell deutlich verjüngt und auch inhaltlich - Lehrerverbeamtung, Gelder für Kommunen, Polizeigesetz - bewegt. Dennoch minus 191.118 Stimmen im Vergleich zu der als Abstimmung über Angela Merkels Flüchtlingspolitik geltenden Bundestagswahl - so weit kann es mit der Aufbruchstimmung unter Michael Kretschmer also gar nicht her sein.

So omnipräsent und gesprächsoffen der neue Ministerpräsident auch immer sein mag: Einen Großteil der Sachsen würde er wohl selbst dann nicht so schnell für seine Partei gewinnen können, wenn er ihm pro Woche ein Himbeereis gratis verspräche. Im Bestreben, dass die CDU nach so langer Zeit am Ruder auch mal die Oppositionsrolle verdient hat, treffen sich ihre Gegner von links und rechts - trotzdem kommt auch bei der nächsten Regierungsbildung niemand an ihr vorbei.

Am meisten ärgert der Souverän die große Politik derzeit mit der Wahl der AfD. Aber auch sie hat im Vergleich zur Bundestagswahl fast 150.000 Stimmen eingebüßt. Dass konstant ein Viertel der Wähler - vermutlich auch zur Landtagswahl - der AfD ihre Stimme gibt, spricht für ihre gefestigte Anhängerschar. Zupass kommt ihr dabei das Stück "Eine gegen alle". Das kann sie allerdings nur glaubwürdig aufführen, solange sie sich nicht auf Kompromisse mit den etablierten Parteien einlässt. In Gemeinderäten und Kreistagen - wo wechselnde Mehrheiten Standard sind - wird in den kommenden fünf Jahren zu beobachten sein, was die AfD mit ihrer neuen Stärke anzufangen vermag.

Dass es zu einem - vor allem von potenziellen Koalitionspartnern der CDU gern als Drohkulisse bemühten - schwarz-blauen Bündnis auf Landesebene kommt, darf hingegen ausgeschlossen werden. Weder die AfD noch die CDU können daran ein ernsthaftes Interesse haben. Die einen nicht, weil sie damit den Protest-Nimbus verlören, die anderen nicht, weil dann ihre Glaubwürdigkeit abhandenkäme. Wer wie die AfD in ihrem Wahlprogramm über die "Massenzuwanderung meist unqualifizierter Menschen aus inkompatiblen Kulturkreisen" ätzt, vermag damit in Sachsen wohl einen größeren Teil der Menschen anzuziehen als anderswo. Die eindeutige Mehrheit aber verschreckt das auch hier - selbst wenn sie ihre Stimmen auf viele andere Parteien verteilt.

Bewertung des Artikels: Ø 3.8 Sterne bei 4 Bewertungen
2Kommentare
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  • 1
    1
    ZwischenDenZeilen
    28.05.2019

    Die doppelte Wiederholung des Kommentars ist Absicht .. ?

  • 9
    5
    Distelblüte
    27.05.2019

    Auf den Punkt getroffen.



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