Von wegen "guter Hoffnung"

Pablo Pineda ist Lehrer. In Filmen hat der Spanier auch mitgespielt, 2009 etwa in "Yo, también". Im Deutschen trägt der Film außerdem einen Untertitel: "Wer will schon normal sein?". Pineda spielt sich darin selbst: 2009 machte er einen Universitätsabschluss - als erster Mensch mit Down-Syndrom, weltweit.

Eine schöne Geschichte ist das. Eine Erfolgsgeschichte. Die vielleicht nicht erzählt worden wäre, hätte es in den 1970ern unkomplizierte Tests auf die Genveränderung Trisomie 21 gegeben. Konfrontiert mit der Diagnose Down-Syndrom, entscheiden sich Schätzungen zufolge 90 Prozent der werdenden Eltern für eine Abtreibung. Doch ist das stets die richtige Entscheidung?

Einen einfachen Test gibt es seit 2012: Statt der bis dahin üblichen, aber riskanten Fruchtwasseruntersuchung reicht eine Blutanalyse. Ein Piks ohne Risiko für Frau und Ungeborenes. Noch tragen Frauen die Kosten von rund 200 Euro selbst, doch bald könnte der Piks Kassenleistung werden: Ein Gremium aus Ärzten und Kassen prüft, in welchen Fällen die Krankenkassen die Kosten tragen soll.

Der Blick in die Chromosomen ist einfach und könnte so selbstverständlich werden wie die Frage nach dem Geschlecht. Schon vor zwei Jahren hat besagtes Gremium aus Ärzten und Kassen eine gesellschaftliche Debatte über den Bluttest gefordert - und die ethischen Fragen, die er aufwirft: die Einteilung in "lebenswertes" und "-unwertes" Leben etwa. Den längst überfälligen Anstoß dazu hat nun eine Gruppe Bundestagsabgeordneter aus verschiedenen Fraktionen gegeben.

Die Diagnose Trisomie 21 muss keine düstere Zukunftsprognose sein. Das zeigt die Geschichte des Spaniers Pineda. Das Down-Syndrom sei für ihn keine Krankheit, an der er leide, sondern ein Zustand. Eine Veränderung des Erbguts, wie auch blondes Haar eine ist. Außerdem: Eine Garantie auf ein gelingendes, auf ein unversehrtes Leben gibt es nicht. Auch nicht für gesunde Kinder.

Die Einteilung in "lebenswert" und "-unwert" ist gefährlich. Sollte der Bluttest Routine werden, bürdet er den Betroffenen eine Last auf: Wie viel Verständnis können Eltern erwarten, die sich dennoch für ihr Kind mit Down-Syndrom entschieden haben - von einer Gesellschaft, die Trisomie 21 als Ausschlusskriterium für Leben definiert? Und wäre am Ende vielleicht sogar die bewusste Entscheidung gegen den Test die Legitimation dafür, diesen Familien Unterstützung und Verständnis zu verwehren? Weil die Herausforderungen, vor denen sie stehen, selbst gewähltes Elend sind?

Eine schwangere Frau ist "guter Hoffnung". So hieß das früher. Freude schwingt da mit, Erwartung. Und Ungewissheit. Die moderne Medizin radiert diese Ungewissheit zunehmend aus. Doch das Versprechen auf Sicherheit, das Schwangerschaftsvorsorge bietet, ist ein zynisches. Auf jeden Test folgt ein Bangen, an dessen Ende Aufatmen stehen kann - oder eine Entscheidung. Und vor der stehen die werdenden Eltern ganz allein.

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