Weniger Risiko für alle Eltern

Über vorgeburtliche Gentests als Kassenleistung

Wann immer sich der Bundestag mit Fragen befasst, die das Ende oder den Anfang des menschlichen Lebens betreffen, gibt es keine einfachen Antworten. Es sind Bereiche unserer Existenz, die sich nicht ohne weiteres mit Paragrafen regeln lassen. Dies zeigte sich auch am Donnerstag in der zweistündigen Orientierungsdebatte zum Thema vorgeburtliche Trisomie-Bluttests für Schwangere. Mit solchen Gentests lässt sich bereits im Mutterleib feststellen, ob ein Kind ein Downsyndrom hat.

Im Parlament ging es allerdings nicht darum, ob diese Tests ethisch vertretbar sind oder in Deutschland grundsätzlich zugelassen werden. Sie sind es bereits seit etlichen Jahren. Nur müssen werdende Eltern sie bislang aus eigener Tasche bezahlen. Sie kosten mehrere Hundert Euro. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen bislang nur Fruchtwasseruntersuchungen. Hierbei wird mit einer Hohlnadel durch die Bauchdecke in die Fruchtblase der Schwangeren gestochen. Früh- und Fehlgeburten können die Folge sein. Es ist damit das deutlich riskantere Verfahren. Der Bundestag befasste sich jetzt mit der Frage: Sollen die Krankenkassen auch die Kosten für den deutlich ungefährlicheren Bluttest übernehmen? Die Antwort muss lauten: Ja.

Natürlich sind viele Bedenken der Kritiker angebracht. Wenn es etwa in Zukunft immer einfacher wird, Kinder vor der Geburt auf immer mehr gesundheitliche Defekte hin zu testen, könnte Behinderung in der gesellschaftlichen Wahrnehmung zunehmend als etwas Vermeidbares angesehen werden. Der soziale Druck auf Eltern, sich für einen Abbruch der Schwangerschaft zu entscheiden, falls ein Kind mit Trisomie zur Welt käme, könnte steigen.

All dies sind nachvollziehbare Einwände. Nur, sie werden an der falschen Stelle vorgebracht. Denn die Einstellung der Gesellschaft zu Behinderungen entscheidet sich nicht an der Frage, ob der Gentest bei Risikoschwangerschaften - nur um diese Fälle geht es - zur Kassenleistung wird oder weiter nur eine Option für zahlungskräftige Eltern bleibt. Warum sollten Ärmere gezwungen sein, ein höheres Gesundheitsrisiko in Kauf zu nehmen? Alle Eltern sollten wissen dürfen, worauf sie sich einzustellen haben, sofern sie es wissen wollen. Den einen Müttern kann ein Bluttest Sicherheit geben. Bei anderen mag damit erst die Verunsicherung beginnen.

Die entscheidende Frage ist letztlich nicht die der Erstattung der Tests, sondern wie Eltern und die Gesellschaft mit dem Befund einer zu erwartenden Behinderung umgehen. Haben Eltern das Gefühl, dass ein Kind mit Downsyndrom willkommen wäre? Dass der Staat die Familie ausreichend unterstützt? Dass das Kind beste Bedingungen vorfindet für ein glückliches Leben? In diesen Punkten zeigt sich, wie sehr unsere Gesellschaft bereit ist, ihrem irrigen Perfektionswahn abzuschwören und Unvollkommenheit als das anzunehmen, was sie ist: ein Wesensmerkmal aller Menschen.

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