Wenn 1,1 nicht mehr zum Studium reicht

Medizin-Studienplatzvergabe: Bundesverfassungsgericht erzwingt Reform

Der Schlamassel mit dem Numerus clausus fing eigentlich in Sachsen an, wie im Moment ja alles in Sachsen anzufangen scheint, was die Republik bewegt. Das Jahr 1530, Sächsische Schulordnung, die Erfindung der Leistungskontrolle: Jeder Schüler solle jedes halbe Jahr beurteilt und im Falle, dass der Lehrer oder Pfarrer ihn für gut befinde, mit einer "Semmel oder dergleichen" belohnt werden. Aus einer Semmel wurden später drei Zensuren (Preußen 1850), dann vier, dann fünf, am Ende sechs.

Es lohnt sich, daran zu erinnern, was so eine Schulnote misst: Es gibt ein Lernziel, das die Schülerin oder der Schüler mehr oder weniger erreicht. Den Grad des Erreichens drückt die Note aus. Sie ist nach moderner pädagogischer Lesart nicht dafür gedacht, die Schüler untereinander in einen Vergleich oder in Konkurrenz zu setzen. Die Note wäre viel zu grob: Mit ihrer Objektivierbarkeit ist es nicht weit her, es sei denn, es werden binär zu beurteilende Fakten abgeprüft, richtig oder falsch. Der Ruf des Schülers hat Einfluss, seine Lebensumstände, die Subjektivität des Lehrers. Alle Jahre wieder wird das Unbehagen an Zensuren so groß, dass Pädagogen und Politiker vereinzelt ihre Abschaffung propagieren. So weit muss es nicht kommen, aber einer Kommentierung reden die meisten das Wort: Ohne verbale Beurteilung an ihrer Seite sagt die bloße Ziffer eben viel zu wenig aus.

Jetzt haben Ziffern allerdings die Eigenschaft, leicht zu entlaufen: Sie schlüpfen alleine in die Welt hinaus, nisten sich in Vorschriften ein und beginnen, ein Eigenleben zu führen, das keiner hinterfragt, solange alles gut geht. Klar, 10.000 Abiturnoten aufzulisten und zwei Drittel abzuschneiden,istunendlichpraktischer (und preiswerter), als 10.000 Bewerbungen zu lesen und 10.000 Gespräche zu führen. Geht ja nicht. Der Numerus clausus (lateinisch: "geschlossene Zahl") hatte immer den Vorteil, dass er leidlich funktioniert.

Aber zuletzt in den Humanwissenschaften klappte das weniger gut. Wartezeiten von bis zu sieben Jahren auf einen Studienplatz in Medizin, unterschiedliche Auswahlkriterien der Hochschulen, kein Studienplatz trotz Abi-Durchschnitt nahe 1,0 - das hat sogar NC-Befürworter an der Praxis zweifeln lassen. Ein Mangel an Studienplätzen, wie Ärztevertreter sagen, stellt dieses Auswahlsystem infrage. Zwei Studienbewerber in Wartestellung haben es vor Gericht gebracht.

Das Bundesverfassungsgericht hat jetzt der Politik aufgetragen, bis Ende 2019 die Vergabe zu reformieren. Es geht um Einzelregelungen, eine Revolution ist das nicht. Die Vergabe soll nachvollziehbarer werden. Vorschläge von Ärzten, des Medizinischen Fakultätentages der Hochschulen und der Vertretung der Medizinstudierenden dazu liegen auf dem Tisch. Absehbar ist, dass Abiturnoten, Wartezeiten und die Auswahl durch die Universitäten ihren Stellenwert behalten.

Wer aber den Missstand des Bewerberüberhangs in Zeiten, da wir ja Ärzte brauchen, an der Wurzel packen wollte, dem bliebe nur eins: Er müsste Studienplätze schaffen.

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