Wettlauf mit dem Tod

Zur mangelnden Antibiotika-Forschung

Obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Ausbreitung resistenter Keime als eine der größten Gefahren sieht, stoppen die großen Pharmaunternehmen die Forschung an neuen Antibiotika. Das ist eine sehr beunruhigende Nachricht. Denn der Wettlauf geht weiter: Keime entwickeln immer neue Resistenzmechanismen, um Antibiotika unschädlich zu machen. Daher müssen neue Antibiotika her. Nicht nur der Medienstar unter den Erregern, der "Krankenhaus-Keim" Staphylococcus aureus, kurz MRSA, kann den Menschen gefährlich werden.

In Deutschland deutet zwar einiges darauf hin, dass der Antibiotika-Gebrauch inzwischen stärker überdacht wird: Die Zahl der Verschreibungen sinkt seit Jahren, nach Zahlen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung wurden 2018 gut einem Fünftel weniger entsprechende Rezepte ausgestellt als noch 2010. Gut so, denn weniger Verschreibungen bedeuten auch weniger potenzielle Resistenzen.

Allein das aber wird nicht reichen, um die Gesundheit der Menschen auf Dauer zu schützen. Allein durch den Fleischverzehr nehmen wir jede Menge Antibiotika-Rückstände aus der Tierhaltung auf.

Geforscht an neuen Substanzen wird offenbar viel, doch der Weg von der Petrischale zum Medikament wird immer schwieriger. Die Entwicklung eines neuen Antibiotikums kostet mehrere hundert Millionen Euro. Bei einer erfolgreichen Zulassung des Mittels kommen die Ausgaben für Herstellung, Vertrieb und Vermarktung hinzu. Das könnten heute nur noch große Pharma-Konzerne stemmen. Tun sie aber nicht mehr, denn mit Krebsmedikamenten und mit Arznei für chronische Krankheiten lässt sich mehr Geld verdienen. Antibiotika werden in der Regel nur ein paar Tage lang eingesetzt und mittlerweile restriktiver verschrieben. Mit anderen Worten: Für neue Antibiotika ist kein Markt vorhanden.

Doch darf man den Gesundheitsbereich nur mit marktwirtschaftlicher Brille sehen? Ein ganz entschiedenes Nein. Der Staat hat hier sogar die Verantwortung der öffentlichen Daseinsvorsorge. Es mag befremdlich klingen, aber die Antibiotika-Forschung gehört zur "zivilisatorischen Grundversorgung" wie die Versorgung etwa mit Wasser, Gas und Strom.

Bei der Antibiotikaforschung zeigt sich exemplarisch, wie viel Marktmacht Großkonzerne auf sich konzentrieren und welche Folgen ihr Handeln oder Nichthandeln haben kann. Die Politik muss eingreifen - nicht nur mit öffentlichem Geld. Sie muss einen Rahmen aus Anreizen und Verpflichtungen schaffen - ähnlich wie bei der Forschung für Kinder-Arzneimittel. Das EU-Parlament fordert das schon seit 2015. Es wäre fatal, wenn sich die Pharma-Riesen aus der Antibiotika-Forschung endgültig zurückziehen würden. Die designierte EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides muss aktiv werden. Damit die krankmachenden Mikroben im Wettlauf von Resistenzen und Gegenmitteln nicht eines Tages doch noch die Nase vorn haben.

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