Wie wär's mit Ernstnehmen?

Ein millionenfach aufgerufenes Anti-CDU-Video sorgt für Aufregung. Youtuber Rezo erhebt darin Vorwürfe gegen die Regierungspartei. Die CDU tut sich schwer mit einer Antwort auf die Kritik.

Bäm! Mit einem 55-minütigen-Video-Feuerwerk hat Youtuber Rezo einen Nerv beim Publikum getroffen und die CDU kalt erwischt. Dass der 26-Jährige seine im Stil einer Anklage vorgetragene "Recherche" mit Halbwahrheiten, Polemik und einer großen Portion Wut würzt, kann man mit Recht kritisieren. Was man nicht tun sollte: Das Video schlechtreden, nur weil es nicht den Kommunikationsmustern entspricht, auf die man sich im Politikbetrieb verständigt hat. Nur ein Beispiel: Wer über den Titel die Nase rümpft ("Die Zerstörung der CDU"), kennt die Youtube-Welt nicht, in der Sprache einfach anders eingesetzt wird als auf der Fraktionsebene des Bundestags. "Zerstören" meint in diesem Fall: mit Argumenten plattmachen.

Und in der Tat: Die CDU war platt. Sie reagierte zögerlich und vor allem mit Phrasen. Generalsekretär Paul Ziemiak fiel erst einmal nichts Besseres ein, als das Video des erkennbar intelligenten Rezo als den üblichen bösartigen Unfug aus dem Internet zu diskreditieren. Das erinnerte an die Reaktion von Christian Lindner auf die "Fridays for Future"-Proteste. Man solle die Klimapolitik doch bitte den Profis überlassen, hatte der FDP-Chef den Schülern entgegengehalten - härter kann man politisch engagierte junge Menschen nicht verprellen.

Dabei wächst da gerade etwas. Greta Thunberg, Rezo und auch der für seine Sozialismus-Gedankenspiele viel gescholtene Kevin Kühnert eint neben ihrem jugendlichen Alter der Mut, Missstände auch undiplomatisch anzusprechen - und Dinge zu fordern, die vielleicht schwer machbar, deshalb aber nicht gleich undenkbar sind. Sich gegen Krieg, Armut und die Zerstörung der Umwelt stark zu machen - was soll daran falsch sein? Die Diskussion darüber, wie die Welt eine bessere werden könnte, aus Stilgründen abzulehnen oder weil den Kritikern die Lebenserfahrung fehlt, ist eine schlechte Idee. Und nur mal als kleines Gedankenspiel zwischendurch: Wer hätte denn von Rezo und seinen in vielen Fragen berechtigten Vorwürfen überhaupt Notiz genommen, wenn er einen Brief ans Kanzleramt oder an die Parteizentrale geschrieben hätte, wie es sich die CDU wohl auch im Jahr 2019 noch wünschen würde?

Die Parteien müssen dringend lernen, mit den neuen Formen der Kritik und radikalen, auf den ersten Blick verlockenden Lösungsvorschlägen für die großen Probleme unserer Zeit konstruktiv umzugehen. Wenn das misslingt, entsteht ein falsches Bild. Denn "die da oben" sind nicht alle unfähig, doof oder bösartig. Das ist ein dummes, gefährliches Vorurteil, dem entschlossen entgegengetreten werden muss. Nicht von oben herab und nicht mit Diffamierungen. Sondern mit den guten Argumenten, die es für viele politische Entscheidungen gibt. Die wiederum in einer Demokratie immer auf Kompromissen beruhen.

Es ist höchste Zeit, die jungen Stimmen ernstzunehmen. Nicht nur Rezo, auch sein Publikum. Nicht nur Greta, auch die anderen Klimademonstranten. Alle, die mitreden wollen.

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