Wissen, was man im Schilde führt

Zur Diskussion um Neonazi-Codes in Kfz-Kennzeichen

Tausende lachen, viele spotten über Zwickaus Landkreisbehörden wegen der vermeintlichen Hexenjagd auf Zahlenkombinationen in Autokennzeichen. Doch so einfach, wie die Satire-Fraktion uns glauben macht, ist die Sache nicht. Bestimmte Ziffernfolgen wie "88" für "Heil Hitler", "18" für Adolf Hitler und "14" als Verbeugung vor den "14 Worten" des Rechtsextremisten David Lane haben szeneintern Signalwirkung.

Otto-Normalverbraucher mag das im Alltag schnuppe sein. Weniger lustig ist, wenn man sich als Chemnitzer Journalist mit einem Dienstfahrzeug im sachsen-anhaltischen Stendal aufhält. Und das, kurz nachdem die Chemnitzer NPD für eine Demonstration gegen zwei im dortigen Ortsteil Insel untergebrachte ehemalige Straftäter die Trommel gerührt hat. Neben dem Wagen stehend, wunderte ich mich übers freudige Winken zahlreicher Glatzköpfe, die in drei Autos grüßend an mir vorbeifuhren. Erst im zweiten Moment wurde mir klar, dass sie nicht etwa mich gekannt, sondern vielmehr das Kennzeichen des Wagens als Gruß an die Szene verkannt hatten. Rein zufällig führte ich die Ziffern "88" im Schilde.

Ebenso wenig Lacher provozierten die Autokennzeichen der aus verschiedensten Bundesländern anreisenden Neonazis, die zum rechtsextremen Festival im vogtländischen Ort Zobes vorfuhren. Die "1488", als Bekenntnis für weißen Rassenkampf samt einem verklausulierten "Heil Hitler", prangte nicht an einem, an zweien oder an drei Fahrzeugen. Bei den Recherchen passierte mich ein ganzer Tross von Autos unterschiedlichster Herkunft, aber mit immer dem gleichen Kennzeichen-Fragment. Wie ein Militärkonvoi dokumentierten die Rechtsextremisten auf diesem Straßenabschnitt zu dem Zeitpunkt mengenmäßige Macht.

Und noch weniger lachte einst meine Frau, als man sie bei der Zulassungsbehörde nach Kennzeichenwünschen fragte, sie aber keine hatte. Das Chemnitzer Amt verpasste ihr die Buchstaben "HH" - zum Glück ohne verfängliche Ziffern. Hauchdünn schrammte sie so an einem Nazi-Code vorbei, von dem ihr, jedem Beteuern zum Trotz, sonst niemand mehr abgenommen hätte, dass er ohne Hintersinn entstanden wäre. Hätte sie ihr Geburtsdatum gewünscht und zufällig die Buchstaben HH dazubekommen, wäre das Auto prompt zur Zielscheibe von Verfassungsschutz und linken Autonomen geworden.

Völlig ohne Grund. Denn was kann sie dafür, dass sie mit dem 20. April den gleichen Geburtstag hat wie Adolf Hitler. Angesichts solcher Beispiele mögen Kritiker recht haben, wenn sie vor Uferlosigkeit immer neuer Verbote warnen. Was kann die "18" dafür, dass sie missbraucht wird? Unabhängig von der Verbotsfrage sollten Zulassungsbeamte in Sachen versteckter Codes aber genau geschult werden, damit sie auch niemanden unbedacht in eine Falle tappen lassen.

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