Wo bleiben die großen Versprechen?

Obwohl das Land brodelt, dümpelt der Wahlkampf vor sich hin

Berlin hat sieben Millionen Bewohner, die in schicken Trabantenstädten leben. Roboter machen alle Arbeit. Das Wetter wird nach Bedarf geregelt: So habe ich die Zukunft in Erinnerung, wie sie in einem DDR-Kinderbuch beschrieben war. Eine Gruppe Halbstarker verirrt sich auf den Mond. In hundert Jahren könnte das passieren, stellte sich der Autor 1970 vor.

Damals, als man noch von einer "Zukunft" träumte.

Es ist fast Halbzeit auf dem Weg in dieses Land von "Zepp und hundert Abenteuern". Statt Utopien herrscht beinahe Zukunftsangst: Populisten und Autokraten gewinnen an Einfluss. Kriege und Armut treiben Menschen zu Millionen in die Wüsten und aufs Meer. In Alaska beginnt der Permafrost zu tauen. Unsere Kommunikation wird von undurchschaubaren Konzernen kontrolliert. Wir vertrauen uns Technologien an, deren Risiken wir nicht überblicken.

So viele Fragen an die Politik: Bekommen wir eine Weltordnung hin, die den Planeten befriedet? Motten wir endlich alle Atom- und Biowaffen ein? Gibt es für die Wirtschaft ein Korsett, das Ausbeutung ächtet? Schauen wir tatenlos zu, wie immer Weniger immer mehr Vermögen anhäufen, beim Verscherbeln öffentlicher Güter, beim Hokuspokus der Finanzjongleure? Und wollen wir über den Klimawandel weiter streiten, bis uns das Tauwasser der Pole Oberkante Unterlippe steht?

Der Bundestagswahlkampf wäre eine Zeit, in der Politiker, die wirklich Zukunftsvorstellungen haben, uns Mut machen könnten. Es geht ja nicht vordringlich ums Personal im Steuerhaus, sondern um den Fahrplan für das ganze Land. Kennedy mit seinem "Mondfahrtprogramm" hat vorgemacht, was Politik entfesseln kann, die große Bilder malt. Solche Visionen schaffen Zuversicht und spenden Energie.

Aber leider: Mehr als ein "Weiter so, wir sind auf Kurs" ist hierzulande auch 2017 nicht drin. Kohls "blühende Landschaften", das war noch ein Versprechen, ein Anspruch, an dem man Regierungshandeln messen konnte. Und heute? Falls das interessierte Publikum überhaupt in den Genuss kommt, sich nicht mit Golfplatz-Histörchen befassen zu müssen, wird es mit Plattitüden malträtiert. Bildung eine Zukunftsfrage? Ach, was Sie nicht sagen.

Es liegt vielleicht am ewig gleichen Personal, dem routinierten Sound, der stickigen Enge im Parteienstaat, dass sich aus dem technokratischen Kleinklein so gar keine großen Linien abzeichnen wollen. Die Bildungsoffensive des Martin Schulz etwa: Ein Zwölf-Milliarden-Versprechen, gleiche Abschlüsse, weniger Föderalismus. Gut und schön. Aber was ist die Vision?

Für jedes Kind einen Tablet-PC und digitalen Unterricht ab 2020: das wäre eine Ansage gewesen.

Auch die ewigen Rührvokabeln - Fortschritt, Fürsorge, Gerechtigkeit - sind leer geworden, öde Fahrstuhlmusik. Sie lösen nichts mehr aus. Auf dem Resonanzboden von Sorge, Wut und Hass, wie er in diesem Lande dunkel brodelt, braucht es dickere Tinte und stärkere Farben. Malt uns endlich aus, wie es hier nach eurer Meinung in zehn Jahren aussehen soll! Und dann entscheiden wir.

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    Hankman
    29.08.2017

    Was für ein Kommentar ... Ich bin beeindruckt. Ja, ich kenne auch diese alten Bücher, die Zukunftsvisionen beschrieben. Das eine oder andere steht sogar noch im Regal. Man hoffte auf eine Zukunft. Das tue ich noch heute. Ich habe Wünsche, Hoffnungen, Visionen, wohin sich alles mal irgendwann entwickeln sollte - Vorstellungen, die über die nächsten 20 oder 30 Jahre hinausgehen. Aber man bekommt heute das Gefühl, damit zu einer kleinen Minderheit zu gehören. Die Politik verwaltet das Bestehende, versucht vor allem, die Macht zu behalten, und richtet den Blick nur auf das Naheliegende. Wer weiter in die Zukunft zu blicken versucht, wird gern als Narr abgetan. aus der Zeit gefallen.

    Die Visionen kommen heute von großen Technologie-Konzernen, und darunter sind einige, die eher Angst machen. Und die Kirchen? Die Kunst? Die Philosophen? Auch dort eher Schweigen. Der relative Wohlstand der Zweidrittelgesellschaft hat anscheinend satt und träge gemacht - vor allem aber ängstlich im Denken. Vielleicht sollten wir wirklich wie der Autor ultimativ von den Parteien und Politikern fordern, Visionen zu entwickeln und zu vertreten. Das zum einen. Zum anderen sollte aber vielleicht auch jeder Einzelne wieder den Mut aufbringen, Vorstellungen von der Zukunft unserer Gesellschaft zu haben und darüber zu reden, zu schreiben. Auf die Gefahr hin, belächelt zu werden. Sei's drum! Es gibt Schlimmeres.



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