Zweifel bleiben

Zur WM-Analyse des Bundestrainers und des Teammanagers

Die Grundtaktik für die WM-Spielweise falsch eingeschätzt, die ErdoganFotos von Özil und Gündogan unterschätzt und das eigene Können überschätzt: Auf diesen Nenner lässt sich die WM-Analyse des Bundestrainers und des Teammanagers bringen. Es waren durchaus selbstkritische Töne zu vernehmen bei den Erklärungen für das peinliche Vorrunden-Aus des Weltmeisters. Das gibt Anlass zu glauben, dass der DFB mit seinem Aushängeschild Nationalmannschaft künftig von seinem hohen Ross heruntersteigt und wieder in die Fußballrealität eintaucht. Dennoch: Bestehende Zweifel konnten Löw und Bierhoff mit ihrer Analyse nicht ausräumen.

Die Erkenntnisse überraschten nicht. Die Reduzierung des Betreuerstabes ist kosmetischer Natur, die Versetzung von Co-Trainer Schneider ins Scouting-Team kein revolutionärer Fortschritt. Weiter auf die Ex-Weltmeister Hummels, Kroos, Neuer, Müller und Boateng zu setzen, ist richtig - zumindest bis 2020. Bis zur EM muss sich zeigen, ob die Grüppchenbildung innerhalb der Mannschaft wie nach Löws Aussage nur eine Erfindung der Medien ist. Einen Grund muss es ja geben, dass der Teamgeist in Russland fehlte.

Die Konsequenzen neben den fußballfachlichen Dingen kamen zu kurz. Und eine spezifischere Ausbildung in der Jugend kann auch nicht der richtige Weg sein. Es geht um die Entwicklung von Spielerpersönlichkeiten, um Charaktere. Gibt es sie in Fußballdeutschland nicht, oder will sie Löw nicht? Die vielzitierte Ehre, mit dem Bundesadler auf der Brust zu spielen, muss mit Leben erfüllt werden. Es fehlten neue Reize und Visionen, um die Leidenschaft der Fußballmillionäre zu wecken. Es stellt sich die Frage: Geht es den Spielern zu früh zu gut? Haben sie noch den Blick fürs Wesentliche, den Sport nämlich? Und wird ihnen dieser in den Nationalteams und Vereinen vorgelebt und aufgezeigt?

Dass das Internet im WM-Quartier abgestellt wurde, um die Konzentration der Spieler zu schärfen, spricht Bände. Löw hat es zugelassen, dass die Nationalelf mehr und mehr zur Wohlfühloase verkommt. Kann derselbe Bundestrainer nun das Rad zurückdrehen und die vernachlässigte Professionalität neu einfordern? Die jüngste Nachricht, dass Jérôme Boateng bald sein eigenes Lifestyle-Magazin herausbringen will, spricht nicht gerade dafür.

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