Mit Engelszungen

Wie eine Stadt ihren wohl berühmtesten Sohn feiert

Wuppertal in Nordrhein-Westfalen hat zwar eine schmucke Schwebebahn, ist aber nicht wirklich schön. Die Stadt im Bergischen Land kann sich jedoch berühmter Söhne und Töchter rühmen: Ex-Bundespräsident Johannes Rau kam aus Wuppertal, die im benachbarten Solingen geborene Pina Bausch gründete an der Wupper 1973 ihr berühmtes Tanztheater. Ja, und ein gewisser Erwin Lindemann wollte dort mit seinem Lottogewinn von 500.000 DM sogar eine Herrenboutique eröffnen. Eingefleischte Loriot-Fans werden den TV-Sketch kennen.

Der vielleicht bekannteste Sohn der Stadt aber war Friedrich Engels, Kumpel und Geldgeber von Karl Marx. Engels entstammte einer reichen Unternehmerfamilie aus dem heutigen Stadtteil Barmen, verließ seine Heimatstadt aber schon früh. Er polemisierte gegen die "jämmerliche Erscheinung" der Wupper und der "verschrobenen Türme". Eine Liebeserklärung hört sich anders an. Egal: Berühmt ist berühmt. Daher feiert die Stadt in diesem Jahr am 28. November den 200. Geburtstag des Mitverfassers des Kommunistischen Manifestes.

Unter anderem mit einem Kunstprojekt: Bei der "Engels-Hotline" können Anrufer mehr über den Theoretiker des Sozialismus erfahren. Die von den Künstlern Maik Ollhoff und Rasmus Zschoch konzipierte Ansage im leicht bergischen Tonfall unter der Nummer 0202/25185818 ist derzeit knapp eine halbe Stunde lang. Das Projekt soll bis Ende 2020 laufen. Am Telefon wirkt "Engels" locker und entspannt: Mit einem "Guten Tach, willkommen bei der Hotline von Friedrich Engels" führt er durch das Menü. Er nervt nicht so wie große und kleine Firmen mit ihren automatisierten Ansage-Odysseen. Engels kommt schnell zum Punkt: Man kann wählen zwischen Infos über die Arbeit im Allgemeinen, über das Wupper-Tal oder über Engels. Wer die "6" wählt, kommt gleich zur Revolutionstheorie: Proletarier aller Länder vereinigt euch ... und so weiter. Es hat etwas von Sozialismus-Schnupperkurs.

Engels hatte genug Knete, wollte aber nie eine Herrenboutique eröffnen. Seine Idee von einer besseren Welt erfüllte sich bekanntlich nicht. So oder anders - die Sehnsucht danach bleibt.

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.