Mit Vorfreude und Wehmut: Oederaner Kantor geht in Rente

Fast 35 Jahre lang war Christian Liebscher als Kirchenmusiker tätig. Am Sonntag wurde er in den Ruhestand verabschiedet - so wirklich still wird es aber nicht um ihn werden.

Oederan.

Er singt sogar seinem Schrank vor. Dass Musik sein Leben ist, zeigt Christian Liebscher bei seinem letzten Pressetermin als Kantor der Kirchgemeinde Oederan. Treffpunkt ist der Proberaum im Pfarramt. Dort steht auch einer von fünf Schränken, in denen Liebscher seine unzähligen Notenbücher aufbewahrt. "Dieser hier ist besonders schön, weil er oben eine interessante Verzierung hat", sagt er und singt die Notenzeilen vor, die ins Holz eingearbeitet sind: Mozarts "Ave Verum Corpus" sowie "Tochter Zion, freue dich" und "Hallelujah" von Händel.

Der letzte Pressetermin als Kantor ist es, weil Christian Liebscher in den Ruhestand geht. "Mit 65 Jahren muss ich das", sagt er. "Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn ich freue mich auf das, was jetzt kommen wird. Und gleichzeitig werde ich vieles vermissen, was mein Leben bisher bestimmt hat." Zu dem, was jetzt kommt, kann er noch nicht viel sagen. "Ich lasse mich da selbst überraschen. Konkrete Pläne habe ich nicht." Im Sommer, wenn auch seine Frau in Rente geht, wolle er viel reisen, sagt er. Ansonsten will er alles auf sich zukommen lassen, nachdem er am Sonntag offiziell verabschiedet wurde. Und so sagt er auch: "Was ich am Montag mache? Gute Frage. Aufräumen wahrscheinlich. Für Dienstag habe ich aber einen Plan. Da muss ich zum Zahnarzt."

Über das, was das Leben von Christian Liebscher geprägt hat, lässt sich hingegen vieles sagen. Geboren wurde er in Freiberg, dort ist er mit Kirchenmusik aufgewachsen. Geprägt durch die Arbeit des Kantors der Nikolaikirche stand für ihn schon früh fest, dass er selbst Kirchenmusiker werden wollte. Mit Domkantor Hans Otto fand Liebscher einen Lehrmeister, der ihn auf sein Studium an der Kirchenmusikhochschule in Dresden vorbereitete, welches er in den 1970er-Jahren begann. Es folgten die katechetische Ausbildung sowie Dienstjahre als Kantorkatechet in Mildenau und Klingenthal. Im Herbst 1985 zog Liebscher mit seiner Frau und den drei Kindern nach Oederan, wo er die Stelle als Kantor antrat.

"Unter seiner Leitung entstand die Kurrende, der Chor wuchs und die Bläserarbeit wurde ausgebaut", würdigt die amtierende Pfarrerin Cornelia Roßner das Wirken Liebschers. Auch in Weißenborn, Gahlenz und Grünhainichen leitete er den Kirchenchor, zudem gab es eine feste Zusammenarbeit mit der Kantorei in Hainichen. Neben großen Aufführungen von Chorwerken oder Weihnachtsoratorien waren es vor allem die kleinen Konzerte, welche Liebscher am Herzen lagen. Dazu gehörten die sommerlichen Mittagskonzerte an der Silbermann-Orgel in der Oederaner Kirche. Seit 1994 hat der Kantor dabei 528 mal für eine halbe Stunde zur Mittagszeit Orgelmusik erklingen lassen. "Ich bin sehr froh, dass die Silbermanngesellschaft diese Reihe ab diesem Sommer fortführen will", sagt er. Das eine oder andere Konzert an der Orgel, an deren Restaurierung er großen Anteil hat, wird er dabei auch selbst geben. Und nicht nur das. "Auch die Arbeit mit dem Posaunenchor und dem Flötenkreis werde ich ehrenamtlich weiterführen. Die hängen ja sonst in der Luft, weil es noch keinen Nachfolger gibt."

Die Stelle könne erst nach dem Ausscheiden des amtierenden Kantors neu ausgeschrieben werden, erklärt Karina Uhlig, die als Ephoralsekretärin für den Kirchenbezirk Marienberg arbeitet. Zu dem gehört die Kirchgemeinde Oederan. Die Aufgaben des Kantors müssten bis zu einer Neubesetzung der Stelle von Ehrenamtlern übernommen werden.


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