14 Frauen für 154.151 Mittelsächsinnen

Im neu gewählten Kreistag sind die Herren künftig nahezu unter sich: Nur ein reichliches Dutzend der Mitglieder ist weiblich. Die Freien Wähler entsenden mit vier Frauen die meisten Kreisrätinnen. Bei der CDU ist eine Frau allein unter Männern.

Flöha.

In den nächsten Jahren entscheiden Männer in Mittelsachsen, wo es langgeht. Denn bezogen auf das Geschlecht, haben sie im neugewählten Kreistag die absolute Mehrheit. Nur 14 von 98 gewählten Kreisräten sind weiblich. Damit repräsentieren in dem Gremium künftig weniger Frauen die Mittelsächsinnen als noch in der vergangenen Legislatur - obwohl von 306.618 Mittelsachsen laut Statistischem Landesamt 154.151, also mehr als die Hälfte, weiblich sind.

In der Wahlperiode von 2014 bis 2019 saßen 19 Frauen im Kreistag: fünf für die CDU, vier für Die Linke, drei SPD-Kreisrätinnen, zwei Frauen gehörten zu den Grünen, jeweils eine zur FDP, zu den Freien Wählern, und zur AfD. Zwei waren als parteilose Kreisrätinnen dabei.


Vor allem die CDU ist im Kreistag männlicher geworden. Für die Union sitzt nur noch eine Frau im Gremium - die Burgstädterin Cornelia Scheibe. "Wir haben bei der Kandidatenaufstellung darauf geachtet, dass sowohl Männer, als auch Frauen auf vorderen Plätzen berücksichtigt wurden. Am Ende hat der Wähler entschieden. Das gilt es zu akzeptieren", so CDU-Kreisverbandschef Sven Liebhauser. Die CDU hatte 97 Kandidaten aufgestellt, davon 15 Frauen. "Es ist sehr schade, dass von unseren Kandidatinnen nur eine gewählt wurde. Wir haben uns auch einen größeren Anteil gewünscht", sagt Liebhauser.

4 der 14 Frauen, die laut der Sitzezuteilung im Kreistag sein werden, gehören zu den Freien Wähler. Unter den 123 Kandidaten der Partei waren 29 Frauen. Eine von ihnen ist die Kriebsteiner Bürgermeisterin Maria Euchler. Sie ist nicht nur als neue Kreisrätin, sondern auch als Rathauschefin im Landkreis in der Minderheit. Denn von 53 Bürgermeistern sind nur vier weiblich. "Ich sehe das sportlich. Die Bürgerinnen und Bürger haben die Kandidaten gewählt, denen sie zutrauen, sie gut im Kreistag zu vertreten", sagte sie. Ihr sei es wichtig, im Kreistag mit kompetenten Menschen zusammenarbeiten zu können. "Wenn dies eben mehr Männer sind, freue ich mich auch darauf." Dass die Überzahl der Männer Auswirkungen auf das Leben der Mittelsächsinnen haben wird, glaubt sie nicht. "Ich bin mir sicher, dass keiner meiner männlichen Kreistagstagskollegen Entscheidungen zum Nachteil von Frauen treffen wird."

Die neun Parteien, die bei der Wahl des Kreistages angetreten waren, hatten insgesamt 540 Kandidaten aufgestellt. Davon waren 127 Frauen. Das entspricht 23,5 Prozent, einem knappen Viertel. Dass sich mehr Männer für politische Ämter interessieren als Frauen, beobachtet Annett Schrenk, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises. "Die Unterrepräsentanz von Frauen in der Kommunalpolitik hat sich mit den vergangenen Wahlen noch einmal verstärkt", sagt sie. Sie glaubt, dass Parteien und Wählervereinigungen sehr bewusst Frauen für eine Kandidatur ansprechen sollten. Frauen müssten sich aber auch stärker für ein politisches Engagement interessieren. "Zudem muss die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und politischem Ehrenamt noch mehr als Problemfeld in den Blickwinkel rücken."


"Frauen sind nicht die besseren Politikerinnen"

Gudrun Ehlert ist Professorin für Sozialarbeitswissenschaften an der Hochschule Mittweida und beschäftigt sich mit Geschlechterverhältnissen.

"Freie Presse": Entscheiden Frauen bei Abstimmungen in politischen Gremien anders als Männer?

Gudrun Ehlert: Politisches Abstimmungsverhalten ist keine Frage des Geschlechts. In politischen Gremien wird überwiegend vor dem Hintergrund von Parteienzugehörigkeiten abgestimmt. Im Kern geht es auch im Kreistag um die Wahrung und Umsetzung demokratischer und gleichstellungspolitischer Grundsätze, die durch den im Grundgesetz verankerten Gleichstellungsauftrag geboten sind. Kein demokratisches Gemeinwesen kann es sich auf die Dauer erlauben, dass die Hälfte der Bevölkerung in den Entscheidungsgremien nicht angemessen vertreten ist.

Glauben Sie, dass Männer und Frauen bei der Formulierung von politischen Anträgen eine unterschiedliche Perspektive haben?

Geschlecht ist immer noch ein sozialer Platzanweiser, das kann sich in der Formulierung von politischen Anträgen niederschlagen, muss es aber nicht. Frauen und Männer können je nach Thema unterschiedliche Perspektiven einnehmen. Frauen sind nicht die besseren Politikerinnen. Doch sie können aufgrund frauenspezifischer Lebens- und Diskriminierungserfahrungen ihre Sichtweisen und Impulse in die Politik einbringen. Diese können dann dazu beitragen, die Qualität von politischen Entscheidungen zu verbessern .

Hat die Zusammensetzung des Kreistages Auswirkungen auf das Leben der Mittelsächsinnen?

Die Unterrepräsentanz von Frauen ist nicht nur im Landkreis ein Problem. Die Gründe sind vielfältig und werden seit einigen Jahren untersucht. Dabei geht es um politische Kultur und Machtstrukturen in Parteien sowie um unkalkulierbare Zeitbudgets und die vorherrschenden Kommunikationsformen und -stile. Die politische Arbeit als Ehrenamt müsste sich an die Möglichkeiten von qualifizierten und engagierten potenziellen Politikerinnen und Politikern anpassen. Wenn die Bedingungen des Engagements nicht reflektiert werden, kann es sein, dass Anliegen von Frauen sowie strukturell und sozial benachteiligter Gruppen weniger im Fokus stehen. fpe

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