70 Jahre verheiratet: So geht das!

Ein Flöhaer Seniorenheim ist das zweite Zuhause der Rödels geworden. An ihrem Jubeltag verraten sie das Geheimnis einer langen Ehe und welche Rolle die Leuna-Werke bei ihrem Umzug nach Sachsen gespielt haben.

Flöha.

Die Überraschung ist gelungen: Ilse Rödel schlägt die Hände zusammen, "Ihr seid ja toll!", sagt die 94-Jährige. Wenig später bekommen sie und Ehemann Günter feuchte Augen. Nicht nur, weil sie niemals gedacht hätten, dass sie ihren 70.Hochzeitstag erleben würden, sondern auch, weil Mitarbeiter und Mitbewohner der Seniorenresidenz "Villa von Einsidel" die beiden Neu-Flöhaer an dem Tag hochleben lassen haben. Dabei ist es nur anderthalb Jahre her, dass sie ihre Heimat in Sachsen-Anhalt verlassen haben.

Als Günter Rödel am Dienstag den Rollstuhl seiner Frau ins Foyer des Pflegeheims schob, stand der Heimchor bereit, um ihnen ein Ständchen zu bringen. Leiterin Beatrice Schubert überreichte einen Strauß aus weißen Nelken - wie im Hochzeitsstrauß - und weißen Rosen, "weil sie die so mag". Gratuliert hätten sie sich am Morgen, so erzählt Günter Rödel (91) später, aber mit einem Festakt hätten sie wirklich nicht gerechnet. Mit der Überraschung am Vormittag war die Feierei noch nicht dabei: Zum Grillfest am Nachmittag waren nicht nur die Tochter der Eheleute, sondern auch der Bürgermeister eingeladen.


Dass ein Paar die Gnadenhochzeit feiert, das erlebt auch die Leiterin der Einrichtung selten. "Davor ziehe ich wirklich den Hut", sagt Beatrice Schubert. 2016 gab es laut Statistischen Jahrbuch rund 17,9 Millionen Ehepaare in Deutschland. Wie viele davon 70 Ehejahre erreichten, wurde nicht erfasst. Ihr Anteil wird wahrscheinlich in Zukunft sinken: Waren die Rödels bei ihrer Hochzeit Anfang 20, so waren 2016 die Männer bei ihrer ersten Heirat im Durchschnitt 34, die Frauen 31,5 Jahre alt.

Warum es schön ist, so lange verheiratet zu sein, beschreibt Günter Rödel so: "Weil man immer jemanden hat, der einem hilft. Es ist immer ein Ansprechpartner da." Natürlich habe jede Ehe schwierige Zeiten, aber dass sie zusammengeblieben sind, macht sie froh. "Nicht wie heute, wo alle auseinandergehen, wenn es mal nicht klappt." Vor Problemen hätten sie nie kapituliert, sondern mussten sie lösen, sagt er. Und hat deshalb nur einen Tipp für junge Leute, die verheiratet bleiben wollen: "Nicht aufgeben!"

Kennengelernt haben sie sich nach dem Krieg beim Handball, sich bald darauf "eingebildet, wir passen zusammen", 1949 geheiratet, zwei Jahre später wurde die Tochter geboren. "Es waren schwierige Zeiten, aber man hatte den Eindruck, vieles wird besser", erinnert sich Günter Rödel. Sie war Sekretärin, er Elektroingenieur in den Leuna-Werken, dem größten Chemiebetrieb der DDR mit über 30.000 Mitarbeitern. Sie leisteten Aufbaustunden und bekamen eine kleine Wohnung - "Wohnküche, Schlafzimmer, vielleicht 40 Quadratmeter", und trotz mehrfacher Umzüge sollten sie ihr Leben in Leuna verbringen. "Man war zufrieden mit dem, was man hatte", blickt er zurück. Sport und Wandern lauteten die Freizeitbeschäftigungen. Mit der Wende kam - ungewollt und plötzlich - die Rente, aber auch die Möglichkeit zum Reisen, in die Bretagne und nach Monaco. Heute haben sie eine Tochter, einen Enkel und drei Urenkel.

Ihre Tochter ist der Grund, dass die Rödels 2018 ihre Heimat verließen: Weil sie in Frankenberg lebt, sind sie ihr nach Sachsen gefolgt. Sie hatte Leuna zum Studium verlassen und in den Gestank des Chemiewerks, so erinnern sich die Eltern, nicht zurück gewollt. "Der Geruch hat vieles verdorben", sagt Ilse Rödel. Nur wenn der Wind günstig stand, konnten sie Wäsche raushängen, oft lag blauer Dunst auf allem. "Aber es war unser Werk, wir wollten nie weg", so Günter Rödel. Im Pflegeheim an der Hausdorfer Straße haben sie sich dennoch gut eingelebt, machen Gedächtnistraining und Sport mit. Sie schätzen die Gemeinschaft unter den Bewohnern. Nur das Spazieren im Erzgebirge ist ihnen zu anstrengend. "Zu steil", sagt er. 2020 könnte die nächste Feier ins Haus stehen: Dann wird Ilse 95. "Man kann nur staunen, wie schnell die Zeit vergeht", sagt ihr Mann.


Keine einfache Zeit zum Heiraten

Der 20. August 1949 war ein Samstag. Günter war 22, Ilse 24. "Nachdem wir uns über die Heirat einig waren, mussten wir uns klar werden, wie wir die Gäste verköstigen", erinnert sich Günter Rödel. Der Vater holte ein

Karnickel aus dem Stall, er organisierte Kartoffeln und Rotkohl, "es war recht bescheiden". Gefeiert wurde im Elternhaus in Leuna, der Platz reichte nicht zum Tanzen. "Heute ist es

romantischer", sagt Ilse Rödel.

Die DDR wurde erst sieben Wochen später gegründet. Die Bundesrepublik war gerade drei Monate alt. Eine Woche vorher, am 14. August, wurde der erste Deutsche Bundestag gewählt.

Weltweit ist das Datum in Ungarn in die Geschichte eingegangen: Dort trat am 20. August 1949 die kommunistische Verfassung in Kraft, Ungarn wurde somit zur Volksrepublik nach sowjetischem Vorbild. Im selben Monat hatte Bhutan seine Unabhängigkeit von Großbritannien erhalten, der Europarat hatte erstmals getagt und die Sowjetunion ihre erste Atombombe bei einem Test gezündet. (kala)

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