Aderlass im Gemeinderat

Wahl 2019: Mindestens 7 von 16 Gemeinderäten in Niederwiesa wollen zur Kommunalwahl nicht wieder kandidieren. Erfahrung und Sachverstand drohen zu verschwinden. Und drei scheidende Räte kritisieren direkt oder indirekt die Bürgermeisterin.

Niederwiesa.

Es ist eine Art Fachkräftemangel, auf den Raik Schubert von der Bürgerinitiative Niederwiesa (BI) im Gemeinderat aufmerksam macht. "Acht der aktuellen Gemeinderäte wollen bei der Kommunalwahl am 26. Mai nicht mehr antreten", bedauerte er. "Es droht ein Verlust an Erfahrung und Sachverstand." Schubert selbst tritt wieder an. Er will zudem bei der Wahl am 3. November neuer Bürgermeister werden. Die "Freie Presse" befragte die scheidenden Gemeinderäte nach den Gründen für ihre Entscheidung.

Ingrid Schwendel von der BI möchte nicht mehr kandidieren: "Das hat den einfachen Grund, dass ich nach 20 Jahren als Mitglied des Gemeinderates denke, dass es Zeit für eine neue Generation wird." Außerdem sei die Arbeit in den letzten Jahren viel zu häufig destruktiv und nicht auf die Sache fokussiert gewesen. "Ich wünsche mir, dass dies in Zukunft wieder besser wird."

Dieter Willy Bartsch von der CDU tritt ebenfalls nicht mehr an. "Ich bin jetzt 83 Jahre alt. Irgendwann muss man sich zur Ruhe setzen", sagt der Rentner. Seine Familie könnte dennoch weiter im Niederwiesaer Gemeinderat vertreten sein: "Meine Frau Angela kandidiert. Wir machen alles gemeinsam, entweder zusammen oder nacheinander." Es sei nicht gut, wenn man den richtigen Abgang nicht schaffe, sondern von anderen belächelt werde. "Das soll mir nicht passieren", sagt der CDU-Mann.

Frank Schulz von der BI nimmt aus gesundheitlichen Gründen Abstand von einer erneuten Kandidatur zur Wahl des Gemeinderates. Eine unerfreuliche Diagnose zwinge ihn kurzfristig zu dieser Entscheidung. "Gerade in der heißen Phase der Entwicklung und Neuorientierung unserer Ortsgestaltung mit Schwerpunkt Gewerbe und nachhaltige Finanzstruktur ist mir der Schritt nicht leicht gefallen. Auch als langjähriger Verfechter und Kämpfer für die Errichtung einer neuen Sporthalle streiche ich mit Wehmut die Segel." Schulz war bis 2014 elf Jahre lang stellvertretender Abteilungsleiter der Fußballer des SV.

Daniel Künzel von der BI will ebenfalls nicht mehr für den Gemeinderat kandidieren. "Das ist richtig", sagt er auf Anfrage. "Die Gründe dafür liegen bei mir im beruflichen und familiären Bereich. Ich werde in diesem Jahr ein berufsbegleitendes Studium beginnen, was sehr viel Zeit in Anspruch nehmen wird."

Matthias Güldner von der CDU erklärte Folgendes: "Nach nunmehr 25Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit als parteiloser Gemeinderat zunächst für die Gemeinde Braunsdorf und danach für die Gemeinde Niederwiesa werde ich zur Kommunalwahl 2019 nicht erneut kandidieren." Um seine Kenntnisse und Erfahrungen auch künftig in die kommunale Arbeit einzubringen, habe er dem neu zu wählenden Gemeinderat bereits seine Mitarbeit als sachkundiger Bürger, etwa im Hauptausschuss, angeboten. "Ein lebendiges und gesundes Gemeinwesen lebt nach meiner Überzeugung gerade bei Wahlen auch von frischem Wind aus der Einwohnerschaft und von der ständigen Erneuerung im Kreislauf der Generationen", sagte Matthias Güldner weiter.

Günther Kempe von der BI wollte eigentlich weitermachen. "Aber mit der Amtsinhaberin geht das nicht", spielt er auf Bürgermeisterin Ilona Meier an. "Ihre Inkompetenz hat selbst nach sieben Dienstjahren nicht abgenommen. Aus meiner Sicht ist sie beratungsresistent. Ich hatte auch schon ihren Rücktritt gefordert. Da ich die Gefahr sehe, dass Ilona Meier infolge Amtsbonus wiedergewählt wird, bleibt mir nur der Rückzug. Ich bin mit einer Unterbrechung seit dem 5. Mai 1990 im Gemeinderat. Jetzt können mal die Jungen ran. Vielleicht schaffen die es, neuen Wind hinein zu bringen."

Heinz-Dietrich Zimmermann von den Linken ist derzeit noch ein Wackelkandidat. "Ich habe mich noch nicht entschieden. Das ist davon abhängig, ob ich noch Mitstreiter finde." Zimmermann ist seit 1999 Mitglied im Gemeinderat.

Ulrich Wießner von der CDU tritt ebenfalls nicht wieder zur Gemeinderatswahl an. "Mit 69 Jahren fühle ich mich noch fit, Altersschwäche kommt also nicht als Grund in Frage", sagt er. Es bestehe auch kein privater Zwist mit der Bürgermeisterin, sagt er, "aber zwischen ihr und mir gibt es gravierende Meinungsverschiedenheiten in Grundsatzfragen, die unsere Kommune betreffen." Als Beispiele dafür nannte Wießner den Verkauf des Schlossparks Lichtenwalde an den Freistaat, den Verkauf weiterer Grundstücke der Gemeinde sowie die "endlose Geschichte" des Neubaus der Sporthalle.

Ilona Meier sieht der anstehenden Kommunalwahl mit Spannung entgegen. "Es steht jedem Bürger frei, für ein Ratsmandat zu kandidieren, aber ebenso - aus welchen Gründen auch immer - dieses niederzulegen", sagt die Bürgermeisterin (parteilos). "Ich hoffe, dass sich genügend Bürgerinnen und Bürger als Kandidaten für den Gemeinderat zur Wahl stellen, die mit mir gemeinsam unseren Ort so weiterentwickeln, dass sich hier alle wohl fühlen." Zu den verbalen Angriffen auf ihre Person schrieb sie der "Freien Presse": "Wie Herr Dr. Kempe seinen Abgang gestaltet, ist seine Sache. Es ist seine persönliche Meinung."

Noch bis zum 21. März können Parteien und Wählervereinigungen Wahlvorschläge einreichen. Bislang nominierte die CDU Angela Bartsch für den Gemeinderat Niederwiesa. Weitere Nominierungen seien bei einer Versammlung am 4. März möglich. An dem besagten Tag kommt auch die Bürgergemeinschaft Lichtenwalde/Braunsdorf zu einer Wahlversammlung zusammen. "Wir haben die ,Findungsphase' noch nicht beendet", sagte dagegen BI-Chef Raik Schubert. Dies solle bis Ende des Monats geschehen.

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