Aus alt mach neu, aus klein mach groß

Zeitgemäß leben, studieren oder Kultur genießen in Freibergs historischer Bausubstanz: Wie das gelingt, können Interessierte beim sächsischen Tag der Architektur am Wochenende erleben. Drei herausragende Bauprojekte werden präsentiert. Das kleinste und unauffälligste von ihnen bekommt sogar den Freiberger Architekturpreis.

Freiberg.

Nicht alles im Leben lässt sich planen: Familie Bergt wünschte sich ein zweites Kind - und bekam Zwillinge. Schnell war klar, dass die Wohnung zu eng werden würde. "Wir hatten uns an die kurzen Wege in der Altstadt gewöhnt", erzählt Familienvater Torsten Bergt. Vier Jahre später, die große Tochter ist inzwischen acht und ihre Schwestern vier Jahre alt, wohnt die Familie in einem preisgekrönten Haus. Der Bauherr und der Architekt, Michael Milew vom Freiberger Architekturbüro ar-01 Konzeptarchitekten, bekommen den diesjährigen Freiberger Architekturpreis. Eine Jury wählte das Objekt aus sechs Bürgervorschlägen aus. Baubürgermeister Holger Reuter lobt den Neubau: "Der Baukörper, der zunächst nichts von seiner hervorragenden Innenlösung verrät, fügt sich sehr gut in die kleinteilige, historische Struktur der Unterstadt ein."

Per Zufall waren die Bergts auf das Haus gestoßen, das vorher dort stand. Die Bausubstanz sei angegriffen gewesen, erzählt Torsten Bergt. Architekt Milew entwickelte Ideen für einen Neubau. Keine leichte Aufgabe: Die Straße unterhalb des Untermarkts liegt im weichen Bett des heute verrohrten Münzbachs. Damit es nicht zu Absenkungen kommt, stellte man das Haus auf Betonpfähle.

Auch die Gestaltungssatzung legte dem Architekten Zwänge auf. Typisch für Freiberger Bürgerhäuser der Renaissance sind zum Beispiel die Fenstergewände - oft aus Sandstein gefertigte Fensterbegrenzungen. Sie erlaubten früher eine Verbindung zwischen dem genau gearbeiteten Fensterrahmen und dem groben Mauerwerk, erklärt Milew. Dank moderner Fertigungstechniken brauche man das nicht mehr. Er hat die Gewände aber mit einer groben Besenstrichstruktur im Putz angedeutet.

Bemerkenswert auch die Holzverschalung: Sie ist von der Straße etwas zurückgesetzt. "Vorher ist man aus der Tür getreten und stand direkt auf der Straße", sagt Bauherr Torsten Bergt, "das ist mit Kindern sehr ungünstig." Einen Fußweg gibt es in der Gasse nicht. Bei diesem Detail hat Architekt Michael Milew auf historische Vorbilder zurückgegriffen: Am Mühlgraben sind noch Gerberhäuser aus dem 18. Jahrhundert mit Holzverschalung erhalten.

Wer das Wohnhaus betritt, fühlt sich wie in einem verzauberten Zelt bei Harry Potter: Das scheinbar kleine Häuschen ist sehr geräumig. Im Erdgeschoss ein helles Wohnzimmer mit offener Küche, im Obergeschoss drei Kinderzimmer und ein Schlafzimmer, ein Spielflur und eine Terrasse. Unter dem Dach ein lichtes Arbeitszimmer - der Architekt hat die Dachgaupe, ebenfalls ein prägendes Gestaltungselement der historischen Altstadt, leicht verzogen, damit das Fenster größer ist. Das Grundstück laufe nach hinten eng zu, sagt Architekt Milew: "Es war eine Herausforderung, aus den örtlichen Gegebenheiten etwas zu entwickeln." Einzigartig ist wohl auch die Rutsche, die von der unteren Terrasse direkt in den Garten führt. Für Torsten Bergt ist klar: "Das Haus war für uns ein Glücksgriff."

Preisverleihung Der Freiberger Architekturpreis wird am Sonntag, 28. Juni, 14 Uhr am Preisträgerhaus Am Mühlgraben 10 öffentlich übergeben. Er ist mit 1500 Euro dotiert und wird vergeben von der Stadt Freiberg und der Deutschen Bank, Filiale Freiberg. Besucher können von 10 bis etwa 15 Uhr das Haus besichtigen. Dabei gelten die üblichen Abstands- und Hygieneregeln. Maximal fünf Personen dürfen die Wohnräume gleichzeitig betreten. Wegen einer Baustelle sollte man das Haus von der Thielestraße/Färbergasse aus ansteuern.


Aus dreimal alt und einmal neu wird ein Ganzes: Das Schlossplatzquartier als Uni-Domizil am Eingang zur Altstadt

Drei denkmalgeschützte Altbauten bilden die Grundlage dieses Komplexes zwischen Schlossplatz, Burgstraße und Prüferstraße. Die Architektengesellschaft BKSP (Grabau Obermann Ronczka und Partner) aus Hannover hatte den Wettbewerb gewonnen, aus den ehemaligen Bürgerhäusern ein Domizil für die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der TU Bergakademie Freiberg zu formen. Zahlreiche Details blieben erhalten, darunter eine illusionistisch bemalte Kassettendecke aus der Spätrenaissance im Gebäude Schlossplatz 1.

Das I-Tüpfelchen ist das Hörsaalgebäude, ein Neubau an der Prüferstraße mit 270 Plätzen, plus zwei Seminarräume. Sie schließen an die Lehr- und Büroräume in den älteren Gebäudeteilen an. Der Komplex beherbergt außerdem das Internationale Universitätszentrum. An der Burgstraße ist das Studien-Info-Zentrum SIZ mit Café zu einem Treffpunkt geworden, nicht nur für Studenten. Diskussionen hatte es nicht nur über die zeitgenössische Darstellung einer Bergparade mit Lamellen aus Metall an der Prüferstraße gegeben. Sondern auch darüber, wie sich die Stadt Freiberg an der Finanzierung beteiligen sollte - Bauherr ist der Freistaat Sachsen. Uni, Stadt und Land waren sich aber immer einig: Der Komplex am Eingangstor zur Altstadt kann dazu beitragen, dass Hochschule und Stadt näher zusammenrücken. An dem Ort des Wissens können auch Reste der Kirche des Dominikanerklosters aus dem 13. Jahrhundert besichtigt werden. (eva)

Führungen: Am Sonntag, 28. Juni, 12 Uhr bieten die Architekten eine Führung durch den Neubau an. Die üblichen Hygiene- und Abstandsregeln sollten beachtet werden.


Vom Getreidespeicher zum Wissensspeicher: Das historische Kornhaus dient heute als Bibliothek

In den Jahren 1508 bis 1511 erbaut, ist das spätgotische Kornhaus eins der ältesten Gebäude der Stadt. Seine erhaltene Holzkonstruktion mit Dachwerk und Speicherböden macht es deutschlandweit zu einer Besonderheit. Diese Konstruktion zu bewahren, aber auch modernen Anforderungen an die Statik gerecht zu werden, war das Ziel der Architekten vom Baubüro Freiberg (BBF). Sie fügten zwischen den mittelalterlichen Holzbalken ein Tragwerk aus schlanken Stahlbetonstützen und Deckenebenen ein.

Von außen wirkt das Gebäude mit seinen kleinen Fenstern sehr verschlossen und hat etwas Festungsartiges. Tatsächlich wurde es wegen seiner Lage am Stadtrand auch zur Verteidigung genutzt, woran auch noch einige Schießluken erinnern. Im 19. Jahrhundert diente es als Garnisonsreithalle.

Innen aber wirkt das Kornhaus licht und hell - geschosshohe Glasflächen und helle Farben machen es möglich. Dank eines gläsernen Aufzugs ist die Stadtbibliothek, die sich das Gebäude mit der AOK Plus teilt, barrierefrei erreichbar.

Den Freibergern gefällt die Kombination aus Mittelalter und Modernität ganz offensichtlich: Seit die Bibliothek 2015 vom Obermarkt ins Kornhaus zog, und auch die ehemals im Pi-Haus ansässige Kinderbibliothek dort ihren Platz fand, steigen die Nutzerzahlen stetig. Am Obermarkt waren rund 1450 Leser angemeldet, Ende 2019 waren es im neuen Domizil mehr als 5200. (eva)

Führungen durch das Kornhaus in der Korngasse 14 werden am Samstag, 27. Juni um 11 und um 12 Uhr im Rahmen des Tags der Architektur der Architektenkammer Sachsen angeboten. Die Teilnehmerzahl ist auf 12 begrenzt. Die Hygiene- und Abstandsregeln müssen eingehalten werden. Mund-und-Nasen-Schutz ist Pflicht.

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