Dachboden-Detektiv will bewahren und weitertragen

Wer kennt noch Fader- hieneln, Luffahähnel oder Sandmühlen? Sammler Ralph Geisler treibt eine besondere Leidenschaft an.

Grünhainichen.

Spielsachen begründeten einst den Ruf der Männelmacher aus dem Erzgebirge. Als Hochburgen gingen dabei die Dörfer Grünhainichen, Borstendorf, Waldkirchen und Börnichen in die Zeitgeschichte ein. Doch wer kennt schon noch Artikel wie Faderhieneln, Luffahähnel, Tuchstaubtiere oder Sandmühlen? Wer weiß, dass das Arche-Noah-Spielzeugschiff selbst in Amerika ein Knüller war?

"Hier gefertigte Erzeugnisse verkörperten Spitzenniveau, bestimmten einst die Trends einer Branche" sagt Ralph Geisler. Er gehört zu einer Gruppe von Sammlern, die es sich auf die Fahnen geschrieben haben, die Leistungen der früheren Spielzeugmacher nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Der Grünhainichener verweist darauf, dass neben unterschiedlichen Schmuck- und Dekorationsfiguren auch Eisenbahnen, Puppenhäuser, Kaufmannsläden und Burgen, aber auch Spielzeuginstrumente und maritime Utensilien wie Holzschiffe bei einer internationalen Kundenschar geschätzt waren.

"Noch vor 80 Jahren hatten in Grünhainichen mehr als 200 Haushersteller und Verleger ihren Sitz, eine Anzahl, die staunen lässt", sagt Ralph Geisler. "Es erinnert nur noch wenig an diese Blütezeit. Einige wenige namhafte Firmen führen ihr Sortiment fort, allerdings ist das heutige Produktionsgeschehen längst nicht mehr mit der vor dem Zweiten Weltkrieg erreichten Breite und Originalität vergleichbar."

Nachgewiesen sei, dass gerade die Verleger aus Grünhainichen einst zu den Ersten gehörten, die bei der Leipziger Messe mit ihren Erzeugnissen für Schlagzeilen sorgten. "Damals gab es insofern Aufmerksamkeit, weil deren niedrige Preise moniert wurden", so der 56-Jährige. Die gesellschaftliche Entwicklung habe nach 1945 unter anderem dazu geführt, dass Werkstätten im Ort schlossen und Nachfolger ausstiegen. "Spätestens mit der Enteignung und den sozialistischen Produktionsbedingungen gerieten die privaten Hersteller in Schwierigkeiten. Die Kollektivierung führte oft zu Resignation und zur Geschäftsaufgabe. Die Spielwarenproduktion verlor für die Region an Bedeutung. Nach der Wende 1990 wagten nur wenige den Wiederanfang", erläutert der Grünhainichener.

Ralph Geisler will helfen, regionale Kulturgeschichte zu bewahren. Er hat Spielsachen längst zu seinem Beruf gemacht. In den zurückliegenden Dezembertagen konnte Ralph Geisler sein 25-jähriges Firmenjubiläum feiern. "1993 habe ich meinen Antikhandel begründet. Ich bin mit Holzerzeugnissen aus der Region großgeworden. Mein frühes Hobby wurde zum Broterwerb." Er sieht sich in der Rolle eines Dachboden-Detektivs: "Mir ist bewusst geworden, was hier für ein Wahnsinns- potenzial existiert. Je mehr ich bei meiner Suche finde, zeigen sich mir die Vielfalt der Artikel und das Können der Hersteller. Immer wieder gibt es etwas zu entdecken. Darüber gilt es zu berichten und das Vorhandene zu erhalten."

Auch von den Herstellern, ihren Arbeitsmethoden und deren Werdegang werde immer weniger überliefert. Markant und ein Blickfang für die Gemeinden waren einst beispielsweise ihre Holzstapel. Ungezählte standen in den Grundstücken. "Das Naturprodukt war das Arbeitsmaterial. Es wurde bis zu zehn Jahre getrocknet. Ein sauber aufgeschichteter Holzstapel war das Aushängeschild jeden Betriebes. Sie verschwanden nach und nach unbemerkt", so Ralph Geisler.

"Es ist für mich eine Schatzsuche, eine Sucht, die mich beseelt und die zugleich dankbar macht. Das mag pathetisch klingen, aber es trifft die Sache." So beschreibt er, was ihn antreibt.

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