Das Fenster zur Heimat

Mein Flöha: André Riedel wirbt im Internet für seine Stadt. Er ist hier verwurzelt und hat gute Gründe dafür.

Flöha.

Eigentlich hat André Riedel gar keine Zeit für ein Interview. Der Einbau der neuen Fenster im künftigen Familien-Wohnhaus muss vorbereitet werden und dafür schwingt er dieser Tage in beinahe jeder freien Minute selbst die Mörtelkelle. Aber es geht um Flöha und darum, was diese Kleinstadt so lebenswert und liebenswert macht. Für dieses Plädoyer findet der Ur-Flöhaer immer ein paar Augenblicke auf der Baustelle.

Das Schweddey-Gebiet ist ein idyllischer Zipfel am Stadtrand von Flöha. Ein paar Häuser und Bungalows reihen sich am Bach entlang und es sind nur wenige Schritte bis zum Wald. André Riedel ist hier am Fuße des Plaubergs aufgewachsen, im vorigen Jahr haben die Riedels hier ein fast 100 Jahre altes Haus gekauft, das umgebaut und saniert wird. Im kommenden Frühjahr will die fünfköpfige Familie einziehen.

Ob er jemals daran gedacht habe, aus Flöha wegzugehen? "Nicht ernsthaft", sagt der Maschinenbauingenieur. Nach dem Abitur am Pufendorfgymnasium stand die Wahl zwischen einem Studium in Zwickau oder in Chemnitz. Es wurde Chemnitz und für diesen kurzen Weg braucht man Flöha nun wahrlich nicht den Rücken zu kehren. Inzwischen gibt es für ihn - oder besser: für die Familie - sowieso keinen besseren Platz zum Leben. "Hier findet eine Familie alles, was man braucht", sagt der 34-Jährige. Viel Natur, einzigartige Bildungs- und Betreuungsangebote für Kinder, eine sehr gute Verkehrsanbindung, Vereine sowie Freizeitmöglichkeiten und einen schnellen Weg nach Chemnitz. Ja, das nahe Chemnitz sei eher ein Trumpf für Flöha als umgekehrt, sagt Riedel, der als Projektleiter bei einem Ingenieurbüro in Freiberg arbeitet und Abwasser- und Trinkwasseranlagen plant.

2013 hat er im Sozialen Netzwerk Facebook eine Seite eingerichtet, die er "Mein Flöha" genannt hat. Bilder und Nachrichten aus Flöha platziert er hier und kündigt Veranstaltungen an. Er verbrachte dafür häufig die Abende bei Stadtrats- oder Ausschusssitzungen oder anderen Versammlungen. Der Name "Mein Flöha" war natürlich zuerst das eigene Bekenntnis. "Aber es war auch die Aufforderung, dass jeder Flöhaer die Stadt als ,Mein Flöha' betrachtet", sagt André Riedel. Das Eigenbrödlerische sei in der Stadt leider noch tief verwurzelt. "Ich wünsche mir, dass die Vereine in der Stadt enger zusammenrücken und dass die dauernden Befindlichkeiten zwischen Flöha und Falkenau verblassen", sagt er und sieht in der Vernetzung von Vereinen, aber auch von Unternehmen und Gewerbetreibenden großes Potenzial für die Stadt. Seit Januar 2018 engagiert sich André Riedel im Gewerbe- und Festverein, der unter anderem alljährlich im August das Straßenfest entlang der Rudolf-Breitscheid-Straße ausrichtet. "Ich habe dort viele engagierte Flöhaer getroffen, die Ideen für das Zusammenwachsen und die Kultur haben", so Riedel. Mit ehrenamtlichem Engagement werde das Stadtleben bunter und toller.

Seine Frau Sandra kennt André Riedel seit 20 Jahren - beinahe eine Sandkastenliebe also. Seit 2011 sind die beiden verheiratet, die drei Töchter sind neun, sechs und drei Jahre alt. Und wenn man André Riedel fragt, wie er das alles schafft - drei Töchter, der Pendler-Job in Freiberg, die Haus-Baustelle, die Facebook-Seite und das Engagement im Gewerbe und Festverein - wie er das alles also unter den einen 24-Stunden-Hut bringt, dann dauert es keine Sekunde und er sagt: "Weil ich eine tolle Frau habe." Ohne dieses "Rücken-Frei-Halten", Hilfe und Unterstützung wäre vieles nicht möglich. Umso mehr genieße er die Zeit mit der Familie oder auch zu zweit. Und natürlich werden beim Stichwort Unterstützung auch die beiden Elternhäuser genannt. Die Nähe zur Familie und zu Freunden, die immer wieder und teils ungefragt anpacken und helfen, ist ein weiterer Aspekt, weshalb Flöha für André Riedel immer Heimat geblieben ist und bleiben wird.

Dass er für sein Hobby, das Geocaching, die digitale Schatzsuche in der Natur also, keine Zeit mehr findet, sei schade, aber angesichts der Fülle an Aufgaben unvermeidlich. Es sind nun doch mehr als ein paar Augenblicke geworden, die das Gespräch gedauert hat. Der Mörtel ruht unangetastet im Trog. "Aber der ist freundlich und bindet nicht so schnell ab", sagt André Riedel, der sich an die Arbeit machen kann, damit das Haus bald neue Fenster hat.

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