Dauer-Schwarzfahrer erhält zehn Monate auf Bewährung

47 Mal wurde ein Mittelsachse ohne Ticket auf der Bahnstrecke zwischen Flöha und Freiberg erwischt. Die Richterin zeigte sich "vorsichtig optimistisch", dass er sich bessert.

Von Laura Kaiser

Am Ende der gestrigen Verhandlung sagte die Vorsitzende Richterin am Landgericht Chemnitz: "Ihre Motive waren zum Teil nachvollziehbar." Ein 68-Jähriger, der zuletzt in einer Unterkunft für Wohnungslose in Flöha gelebt hatte, war 2016 und 2017 insgesamt 47Mal ohne Fahrschein mit der Bahn zwischen Flöha und Freiberg verkehrt, um seine kranke Mutter in Langenau zu besuchen. Er wurde deshalb mehrfach wegen Erschleichens von Leistungen angeklagt. Auch dass er geständig war und der Schaden gering, rechnete ihm die Richterin mildernd an. Die Kammer sah dennoch Gründe für eine Freiheitsstrafe.

Das Landgericht musste sich mit dem Fall auseinandersetzen, weil sowohl Verteidiger als auch Staatsanwaltschaft nach einem Urteil des Amtsgerichts Freiberg in Berufung gegangen waren. Die Staatsanwaltschaft, weil ein Diebstahl des Angeklagten in einem Laden des Chemnitzer Hauptbahnhofs nicht berücksichtigt worden war, der Verteidiger, weil kurze Freiheitsstrafen unangemessen seien.

Der 68-Jährige schilderte dem Gericht sein Leben: Auf eine "gute Kindheit" folgten eine Ausbildung zum Gärtner, 25 Jahre Arbeit in der Baumschule Freiberg sowie 33 Jahre Ehe, aus der ein Sohn hervorging, "der nichts von mir wissen will", so der Angeklagte. Heute lebt er von einer Erwerbsunfähigkeitsrente und Grundsicherung. Er berichtete auch von einem Vorfall in der NVA 1981, wo Offiziere ihm gesagt hätten, "hier ist ein Strick, häng dich auf". Damals sei erstmals eine Psychose bei ihm diagnostiziert worden, die chronisch bestehe und eine Persönlichkeitsänderung herbeigeführt habe, erläuterte der hinzugezogene Gutachter, Facharzt für Psychiatrie und Psychologie. Er könne als vermindert schuldfähig eingestuft werden. Dass man für Zugfahrten bezahlen muss, sei ihm nämlich bewusst gewesen.

Der Angeklagte erzählte auch, jede Woche 50 Euro von seiner Mutter bekommen zu haben. Ob er davon nicht hätte Tickets kaufen können? Hätte er, räumte er ein. Zudem gestand er, in einem Supermarkt und einem Laden am Bahnhof "gemaust" zu haben. Sein Verteidiger plädierte für eine Geldstrafe: "Jemand wie er hat in einer Haftanstalt keinen leichten Stand." Zudem werde die Erschleichung von Leistungen als Straftatbestand politisch vermehrt nicht mehr als zeitgemäß angesehen. Der Staatsanwalt forderte eine Haftzeit von 14 Monaten, da er aufgrund einer zweiten, schweren Tat nach der ersten Verurteilung - einem räuberischen Diebstahl mit Körperverletzung - keine positive Prognose sehe und der Angeklagte einschlägig vorbestraft war.

Dass die Kammer letztlich zehn Monate Freiheitsentzug sowie die Abzahlung der 228 Euro Schaden anordnete, begründete die Richterin mit der Vielzahl an Vorfällen und damit, dass Geldstrafen bisher keine Besserung bewirkt hätten. Die Strafe werde zur Bewährung ausgesetzt, da sie eine günstige Prognose sehe, denn mit dem bedauerlichen Tod der Mutter sei der Bedarf entfallen. "Außerdem haben sie durch die Untersuchungshaft den Eindruck einer Haft bekommen. Ich bin vorsichtig optimistisch", so die Richterin. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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