Der die Augustusburger Königin stimmt

Sandro Vogel spielt weder ein Instrument noch kann er Noten lesen. Doch der Altmittweidaer hat Fertigkeiten, die er sich selbst beibrachte und auf die es beim Musiksommer entscheidend ankommt.

Augustusburg.

Für den 1. Augustusburger Musiksommer ist Sandro Vogel unverzichtbar. Dabei spielt der Altmittweidaer kein Instrument, kann auch keine Noten lesen. Doch als Orgelstimmer kommt es auf ihn an. Das Besondere: Er hat sich die Fertigkeiten selbst beigebracht, ist Autodidakt. Vogel liebt die Orgel und habe ein Gehör für "gerade oder schiefe Töne", sagt er. Als Maschinenbediener im Ofenbau arbeitet er an tonnenschweren Biegepressen, schneidet mit der Lasermaschine Teile zu und fertigt Heizeinsätze. In seiner Freizeit jedoch bewegt er sich - ausgerüstet mit einem Stimmeisen - oft in gebückter Haltung im Orgelinnern.

Seit zwei Jahren ist er ehrenamtlicher Küster in der Mittweidaer Stadtkirche. "Ich wohne direkt neben der Kirche in Altmittweida und habe gehört, wenn die Glocken durch Abnutzung oder Schleifgeräusche nicht sauber klangen", sagt Vogel. Was ihn von Anfang an aber besonders faszinierte, war die Orgel. Gut bekannt ist er mit dem Kantor der Geithainer Sankt-Nikolai-Kirche, dem er beim Orgelspiel zuhörte. "Ich habe Aufnahmen von Chorälen aus dem Gesangbuch gemacht, um mir die Vielfalt der Orgel erklären zu lassen. Der Kantor wies mich dabei auf Register hin, die verstimmt waren." Nur zu gern habe er dessen Angebot angenommen, ihm beim Orgelstimmen behilflich zu sein. Neun Jahre liegt dies zurück. Seitdem habe er sich nur durch Zuschauen und -hören die Fähigkeiten zum Orgelstimmen angeeignet, sagt Vogel.


Die Tätigkeit ist kein eigener Beruf, erfordert aber viel praktische Erfahrung. Sie ist Teil der Ausbildung zum Orgel- und Harmoniumbauer. Mittlerweile hat Vogel seine Kenntnisse an acht Orgeln unter Beweis gestellt: so etwa in Mittweida, Altmittweida, Geithain, Augustusburg, Erdmannsdorf und Hohenfichte. "Das Pfeifenmaterial ist teilweise bis zu 150 Jahre alt. Man muss sehr sorgsam mit der Königin umgehen - ähnlich wie mit einer Frau -, um nichts kaputt zu machen", sagt er fast liebevoll.

Als Königin der Instrumente bezeichnete Wolfgang Amadeus Mozart die Orgel - nicht nur wegen des beeindruckenden Äußeren und des gewaltigen Klanges. Mit Tausenden Pfeifen, mehreren Manualen und Registern kann ein Orchester nachgeahmt werden. Wechselnde Luftfeuchte und schwankende Temperaturen lassen Orgeln verstimmen.

Für den Augustusburger Musiksommer mit umfangreichem Orgelprogramm braucht es deshalb nicht nur virtuose Musiker, sondern einen Orgelstimmer, der sein Handwerk versteht. "Die Jehmlich-Orgel der Stadtkirche hat circa 2500 Pfeifen. Der überwiegende Teil besteht aus Zinn, etwa ein Drittel aus Fichtenholz", sagt der Kantor, Organist und Leiter des Musiksommers, Pascal Kaufmann.

Etwa 20 Prozent, sogenannte Zungenpfeifen, seien von seltener Machart, die vor jedem Konzert gestimmt werden müssten - für diesen Job bewarb sich Vogel bei ihm. Zunächst habe er etwas gezögert, gibt Kaufmann zu. Denn ungewöhnlich sei das schon, dass jemand mit einem Metallberuf Orgeln stimme. "Doch er hat mich überzeugt, macht fantastische Arbeit", so der Kantor.

"Durch die schwankenden Bedingungen in den Kirchen befindet sich der saubere Ton nicht mehr im jeweiligen Referenzbereich", sagt Vogel. Deshalb müssten die Zungenpfeifen an die Tonhöhe der anderen Pfeifen angepasst werden. Durch leichtes Schlagen und damit Bewegen der Stimmkrücke im Inneren der Pfeife mithilfe des Stimmeisens wird der Ton reguliert. Bis zu zwei Stunden dauert die Prozedur, bei der Vogel nichts braucht als Ruhe, Geduld und jemanden, der am Spieltisch die Tasten drückt.

Nico Junghanns aus Augustusburg kümmert sich darum; der 21-jährige Informatikstudent spielt seit 13 Jahren Keyboard und Klavier. Vor vier Jahren hat er mit Orgelunterricht begonnen und ist damit bestens geeignet. "Mit Sandro habe ich schon Orgeln in Hohenfichte und Augustusburg gestimmt. Ich arbeite gern mit ihm", sagt Junghanns. Die Musik bleibe ein Hobby, das Studium würde er dafür nicht an den Nagel hängen, so Junghanns, der an seiner Bachelorarbeit schreibt.

Doch nicht nur als Tastendrücker ist er eine große Unterstützung. Als einer von über 50 Helfern ist er am Einlass, als Ticketverkäufer und Programmverteiler beim Musiksommer eingebunden. "Das ist eine schöne Abwechslung zum Studium, und ich lerne viele Leute kennen", sagt Nico Junghanns.

Musik für Orgel und Fagott erklingt am 20. Juli in der Augustusburger Stadtkirche - mit Renate Golde-Haase an der Orgel und Kammervirtuose Alexander Golde am Fagott. Zu hören sind Werke von Johann Jakob Froberger, Alessandro Marcello und Antonio Vivaldi. Beginn jeweils 15 und 17 Uhr, Dauer: 30 Minuten. Eintritt: 5, ermäßigt 3 Euro.

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