Der entscheidende Satz: "Jetzt ist es soweit"

Mauerfall 89: Vor dem Fernseher, bei der Armee, auf Westbesuch - Mittelsachsen berichten in der "Freien Presse", wie und wo sie den 9. November 1989 erlebt haben.

Flöha.

Matthias Höfer war zum Mauerfall noch Schüler. Der 40-Jährige berichtet in der "Freien Presse", die politische Tragweite habe er als Zehnjähriger nicht kapiert. "Dass etwas ganz Besonderes im Gange war, hat man an Reaktionen der Erwachsenen gespürt", so der Flöhaer. "Freie Presse" hat Leser nach ihren Erinnerungen befragt. Es sind Erinnerungen wie die eines Rochlitzers: Er saß als Soldat in einer Kaserne an der Grenze: "Irgendwann kam ein Funker und sagte: Jetzt ist es soweit. Ich bin froh, dass wir nicht ausrücken mussten." (hy/grit)

https://www.freiepresse.de/mittelsachsen/wendemittelsachsen

 


"Gänsehaut pur"

Sonja Reupert (50), Angestellte aus Kirchbach: "Den Mauerfall habe ich auf Westbesuch erlebt. Ich durfte damals auf Besuchsreise zu Verwandten gehen. Mit denen habe ich auf das Ereignis angestoßen. Gänsehaut pur! Wir haben in die Nacht gelauscht, ob Trabi- und Wartburgklänge in dem hessischen Ort zu vernehmen sind. Ich hielt es für denkbar, dass Familienangehörige gleich losfahren. Die Veränderung im Grenzregime waren schon bei der Rückreise zu spüren. Wurden wir vor dem 9. November vom Zoll gefilzt, waren die Kontrolleure jetzt locker und verändert." (hy)


"Hoffnung keimte auf"

Maria Zwinscher (66), ehemalige Außenhandelsmitarbeiterin Niederwiesa: "Wir verfolgten das Geschehen vor dem TV-Gerät. Die Nachrichten überschlugen sich. Die Ankündigung, neue Reiseregelungen einzuführen, gehörten dazu. Hoffnung keimte auf. Als wir zur Nacht hin die Bilder von Menschenmassen vor Grenzübergängen und auf dem Ku'damm Berlin sahen, wollten wir es zunächst nicht glauben. Die Freude war groß, aber auch ein Moment der Traurigkeit zog ein. So hätte ich gern gewollt, dass mein Vati dies noch erlebt hätte, der kurz zuvor verstorben war." (hy)


"Es begann unspektakulär"

Iris Firmenich (58), CDU-Landtagsabgeordnete aus Frankenberg: "Der Tag war erst völlig unspektakulär. Wir haben Abendbrot gegessen. Dann saß ich mit meinen Kindern vor dem Fernseher und habe das Geschehen verfolgt. Die Nachrichten überschlugen sich. Es war unglaublich spannend. Man konnte es nicht realisieren: Findet das jetzt wirklich statt? Es war ein Moment, den man nicht vergisst. Die Mauer hat so lange gestanden, wie ich alt war: 28 Jahre. Ich bin sehr froh, dass es so gekommen ist. Für das eigene Leben entstand eine neue Perspektive." (dahl)Foto: Falk Bernhardt


"Tragweite war unklar"

Katrin Nitsch (58), Verkäuferin aus Chemnitz, die in Oederan arbeitet: "Die Bilder der legendären Pressekonferenz mit SED-Mann Schabowski sind mir in Erinnerung. TV-Geräte waren im Dauereinsatz, man hockte vor den Empfängern. Die Freude auf bevorstehende Reisemöglichkeiten war geweckt. Doch welche Tragweite Schabowskis Aussage hatte, war nicht klar. Dass in jener Nacht schon Menschenmassen unterwegs waren, habe ich erst am nächsten Tag erfahren. Das Geschehen war zwei Tage später, zum Klassentreffen das bestimmende Thema." (hy Fotos: C. Heyden (3))

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