Der kleine Felix im großen Glück

Die Freude ist groß bei dem Neunjährigen aus Oberbobritzsch. Dank der "Freie Presse"-Leser, die Geld spendeten, kann für den kranken Jungen ein dringend notwendiger Assistenzhund angeschafft werden. Dieses Tier hört auf den interessanten Namen Gurke.

Oberbobritzsch.

Wenn bei dem neunjährigen Felix die Gefühle überschäumen, ist er kaum zu bremsen. Lachend tobt er dann die Treppen im Haus herauf und herunter, spielt Verstecken, wirft sich auf ein riesiges Stofftier und balgt mit ihm herum. Grund zur Freude hat er zu Beginn dieses Jahres allerdings auch genug, und mit ihm seine Pflegeeltern Heike und Sylvio Weigel. Sie hatten sich über die "Freie Presse" innerhalb der "Leser helfen"-Aktion an die Öffentlichkeit gewandt und um Hilfe gebeten. Denn Felix, so fröhlich und unbeschwert er auch sein kann, ist krank und benötigt für die Zukunft eine ganz ungewöhnliche Unterstützung.

Diese Unterstützung ist ein Hund, eine Labrador-Retriever-Hündin, um es genau zu sagen. Und die hört auf den durchaus seltenen Namen Gurke. Dass dieses Tier kein gewöhnliches ist, kann man sich denken, vor allem, wenn man erfährt, dass seine Anschaffung insgesamt 30.000 Euro kostet. Dafür ist es aber auch über zwei Jahre hinweg speziell ausgebildet worden und erhält ein weiteres Jahr Training, bei dem es einzig und allein auf Felix und seine Bedürfnisse eingestellt wird. Denn Felix leidet unter FAS, dem Fetalen Alkohol Syndrom, kam mit alkoholbedingten Gehirnschäden und weiteren Schädigungen der inneren Organe zur Welt. Im Alter von drei Jahren hatte er bereits vier Operationen überstanden, bis es 2017 gelang, ein großes Loch in seinem Herzen zu schließen. Die Beeinträchtigungen gehen jedoch noch weiter, denn verbunden mit all dem sind Verhaltensstörungen wie Hyperaktivität, emotionale Instabilität, Arglosigkeit und Bindungsprobleme. Hinzu kommen eine verminderte Intelligenz, Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten, Sprachstörungen sowie ein sozial-emotionales Unvermögen. Einigermaßen unberechenbar ist Felix deshalb.

An diesem Tag des neuen Jahres zeigt sich das darin, dass er sich zwar freut, dass der Mensch von der Zeitung mal wieder zu Besuch ist, dessen Anliegen aber, nämlich ein neues Foto von ihm und seinen Pflegeeltern zu machen, zunächst einmal abschlägig beschieden wird. "Nö", sagt er strahlend und sucht Deckung hinter einem Teddybären. Sämtliche Bemühungen der nächsten Minuten scheitern. Böse kann man ihm deshalb aber nicht sein. Dafür ist er zu glücklich. Denn Gurke kann nun wirklich zu ihm kommen. Die Leserinnen und Leser der "Freien Presse" haben das mit ihren Spenden möglich gemacht.

"Wir kennen all diese Leute zwar nicht, aber wir danken ihnen allen wie verrückt", sagt Heike Weigel, der man anmerkt, welch ein Stein ihr vom Herzen gefallen ist. Unsicherheit, ob es denn überhaupt gelingen werde, war stets vorhanden. "Jetzt geht das neue Warten los, aber diesmal ganz entspannt, denn alle haben nun Gewissheit", so Weigel. Gewartet wird nämlich nun darauf, dass die Ausbildung von Gurke so weit abgeschlossen wird, dass das Tier nach Oberbobritzsch kommen kann. Derzeit befindet sich der Vierbeiner noch in Lalendorf, einer Gemeinde unweit von Rostock. Im dortigen WZ Hundezentrum wird er von Assistenzhundetrainer Ulrich Zander auf seine künftige Aufgabe vorbereitet, was nun deutlich konsequenter im Hinblick auf Felix geschehen kann.

Gurke soll zu einem ständigen Begleiter des Jungen werden, ihn etwa in Menschenmengen abschirmen, Gefahrensituationen erkennen und Weglauftendenzen unterbinden. Vor allem aber wird er darauf trainiert, Felix' Emotionen zu erkennen, ihm beim Aggressionsabbau zu helfen und ihn zu beruhigen. Auch als Einschlafhelfer soll die Hündin fungieren, denn gerade damit hat Felix seine Schwierigkeiten. Zur Ruhe kommen ist nicht immer so sein Ding.

Bis Gurke bei ihm wohnen darf, muss Felix allerdings noch ein wenig warten. Im kommenden Oktober erst wird das Tier zwei Jahre alt. Dann ist seine Ausbildung soweit abgeschlossen, dass es zur neuen Familie kommen kann. Bis dahin wird die Hündin aber schon ein paar Mal besucht. "Soweit das bei der Entfernung möglich ist", meint Heike Weigel. Dann geht man gemeinsam spazieren, gewöhnt sich schon ein wenig aneinander. Dass die Anschaffung eines solchen Spezialtieres besonders teuer ist, liegt nicht nur an der insgesamt dreijährigen Ausbildung, sondern daran, dass die Trainer auch danach regelmäßig kontrollieren und weiterhin den direkten Kontakt halten. Schnell kann sich etwas in Felix' Alltag ändern, was auch Auswirkungen auf die Aufgaben des Hundes haben könnte. Die Arbeit mit den Ausbildern endet also nicht im herkömmlichen Sinne.

Schließlich ist Felix doch noch bereit für ein Foto. Dafür schnappt er sich ein Kissen, auf dem ein Bild von Gurke zu sehen ist, damit auch sie schon mit dabei sein kann. Man hat das Gefühl, als wollte er gleich noch die ganze Welt ein wenig mit umarmen. Schöner kann man einen Dank wohl kaum ausdrücken.

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