Der letzte Tanz im "Prinz Albert"

Das legendäre Gasthaus und Hotel in Eppendorf organisierte zum letzten Mal eine Tanzveranstaltung. Ein Kapitel Kulturgeschichte geht zu Ende.

Eppendorf.

Stell-Dich-Ein der Generationen zum großen Party-Finale: Die Abschlussveranstaltung im legendären Gasthaus und Hotel "Prinz Albert" wurde am Sonnabend zum Pflichttermin für Eppendorfer aber auch Gäste aus den Nachbargemeinden. Wie zu besten Discozeiten herrschte noch einmal Hochbetrieb im dörflichen Erlebnistempel, dessen Betreiberfamilie Berthold ein letztes Mal zum offiziellen Tanzvergnügen eingeladen hatte. Wie schon lange nicht mehr erlebt, hieß es für die Ausflugshungrigen Schlange stehen. Im Hause machte sich schnell Stimmung wie zu einem Klassen- oder Familientreffen breit.

Einhelliger Tenor: Schade, dass sich wieder ein Kapitel Kulturgeschichte vollendet. Und so schwelgten Vertreter der 1970er-Schlagerjahre in Erinnerungen - ebenso wie jene der Neuen Deutschen Welle oder Fans der fetten AC/DC-Zeit. Auch die Vertreter der Italo- und Synthi-Pop-Epoche erwiesen dem Tanzsaal ihre Referenz.

Ob Schulanfang, Jugendweihe oder Konfirmation, das Gasthaus galt als erste Adresse für Familien- und Dorffeierlichkeiten. Die Eppendorfer Betriebe organisierten hier Firmenfeten. Das Parkett erlebte Tanzstunden. Es gab politische Talkrunden und Vereinssitzungen.

Noch einmal standen Schallplattenunterhalter im Rampenlicht, die eine besondere Beziehung zum Hause haben. Mit Matthias Matze Wagner, alias Disko Display, und Bernd Irmscher, genannt Tramp 76, sorgten noch einmal gestandene Akteure für den Sound. Und mit DJ Falk und DJ Hool vom Team der Diskotheker Hütte 98 bewiesen Nach-Wende-Akteure ihre Mischpultqualitäten. "Hier haben zahlreiche Stars aufgespielt, selbst die Puhdys gastierten vor ihrem künstlerischen Durchbruch in Freiberg", so Bernd Irmscher. Er sehe noch Dieter Birr das Lied "Türen öffnen sich zur Stadt" singen. 500 bis 600 Jugendliche hätten regelmäßig samstags Einlass in den Saal begehrt. Tino Bellmann gehörte einst zu Stammgästen. "Wir Auswärtigen machten uns oft schon nachmittags auf den Weg, um überhaupt mit öffentlichem Verkehrsmittel bis Eppendorf zu kommen, der Vorabendbus war immer rammelvoll. Die Wartezeit bis Türöffnung haben wir im Café ,Freundschaft' genutzt, um ein bisschen vorzuglühen", so der Oederaner.

Giesela Lewsuch gehörte zu den Gästen, die hier ihren beruflichen Werdegang begründeten. "Ich bin als gelernte Köchin von 1967 bis 1969 in der HO-Gaststätte tätig gewesen, habe bei Großereignissen auch im Service zugepackt", so die gebürtige Kleinhartmannsdorferin. "Regelmäßig herrschte viel Betrieb, das Haus war als Einkehrstätte gefragt, legendär galt das Bauernfrühstück." Bei einer der Tanzveranstaltungen hat es später selbst gefunkt: Sie lernte während des Dienstes ihren Mann kennen, der auf sie aufmerksam geworden war. Eine gleich prägende Begegnung bestimmt den Lebenslauf mancher Einheimischer, etwa von Ilona und Konrad Putzschke. "Wir sind uns zum "Tanz in den Mai" 1977 begegnet, vor 42 Jahren haben wir uns kennen gelernt."

Seit 1990 zeichnete die Familie von Uta Berthold für die Geschicke der vor der Wende in Gemeindeeigentum befindlichen Einrichtung verantwortlich. Die Zusammenarbeit wussten auch Eberhard Auerbach und Ulrich Edlich zu schätzen. Früher in der Firmenleitung des renommierten Planet-Wäschebetriebes tätig, organisierten sie nach Schließung der Fabrik mehrere Betriebstreffen der Belegschaft im Gasthaus. "Da wurde für uns vieles möglich gemacht, und die Buffets mundeten", so die beiden Eppendorfer, die ein kleines Geschenk mitgebracht hatten.

Mit einem lachenden und weinenden Auge meisterte Uta Berthold die Abschlussparty. "Ich freue mich, dass die Resonanz so großartig ist. Vielleicht hätte ich schon vor fünf Jahren einmal zu einer Abschlussparty einladen sollen, um eine solche Aufmerksamkeit zu erreichen und den einen oder anderen für einen Besuch zu begeistern", so die Gastgeberin. Denn jetzt werde den Leuten bewusst, dass etwas zu Ende geht. Andererseits sei sie traurig, vollende sich doch ihr Berufsleben. "Aber es muss dennoch einmal Schluss sein, ich kann nicht bis 100 hinter dem Tresen stehen."


Auch Gipsy trat auf

Das Gasthaus und Hotel "Prinz Albert" in Eppendorf war für Familien- und Dorffeierlichkeiten beliebt. Auch Eppendorfer Betriebe feierten hier. Tanzstunden, politische Talkrunden und Vereinssitzung fanden statt. Bei Konzerten traten auch Pro Musicum, Gipsy, Bauerplay und Oberländer auf.

Cola-Wodka und Sekt mit Früchten waren lange die bestimmenden Disco-Getränke. Mittags wurde ein Stammessen für die Mitarbeiter von Betrieben angeboten. (hy)

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