Die Schatzhüterin

Auf dem Dachboden bei Wendt & Kühn schlummern verborgene Raritäten. Die Historikerin Marlis Rokitta durchstöbert sie. Eine Sonderschau gibt einen Einblick in den Fundus.

Grünhainichen.

Nur wenig Nutzfläche lässt das denkmalgeschützte Gaubendach der Firma Wendt & Kühn in Grünhainichen im Obergeschoss zu. Viele Veränderungen hat das 1844 erbaute Verlegerhaus erfahren und präsentiert sich heute seinen Besuchern als eine offene Manufaktur. Nur im Dachgeschoss ist alles wie einst geblieben. Neugierige Gäste haben aber keinen Zutritt. Dabei befinden sich hier die eigentlichen Schätze der mehr als hundertjährigen Tradition des Hauses.

Verschlossene Kartons, hölzerne Kisten und alte Truhen drängen sich neben abgedeckten Figuren. Regale bis unter die Decke und alte Archivschränke erinnern mit dem Duft nach Möbelpolitur, Farbe und Pergament an das Archiv eines Kunstmuseums. Inmitten des historischen Sammelsuriums sortiert Marlis Rokitta alte Dokumente, vergleicht handschriftliche Aufzeichnungen und Bleistiftskizzen mit einer großen Liste in ihren Unterlagen. Eine Etage tiefer hat die 30-Jährige ihr Büro mit moderner Rechentechnik und der dazugehörigen Museums-Software. Seit Januar ist die Historikerin als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Grünhainichen tätig.

In Bautzen geboren, lebt Marlis Rokitta seit ihrer Studienzeit in Chemnitz. Zwischen 2005 und 2012 studierte sie an der TU Neuere und Neueste Geschichte und Germanistik. Danach sammelte sie zwei Jahre lang erste Erfahrungen am Esche-Museum in Limbach-Oberfrohna als Leiterin in Elternzeitvertretung. Bei Wendt & Kühn kümmert sie sich nun um den künstlerischen Nachlass der Unternehmensgründerinnen Grete Wendt und Margarete Kühn sowie der Mode- und Kostümschöpferin Olly Wendt, geborene Sommer.

"Ich habe hier einen wahren Fundus an historischen Dokumenten und mehr als 2500 Zeichnungen und Figurenskizzen auf Papier und Pergament vorgefunden, die es nun zu digitalisieren gilt", gewährt Marlis Rokitta einen ersten Einblick in ihre neue Tätigkeit. Denn immer wieder werden alte Vorlagen für neue Modellreihen herangezogen, um dem figürlichen Charakter auch im aktuellen Sortiment Rechnung zu tragen. "Dafür können wir den Gestaltern nicht die wertvollen Originale aushändigen."

Mehr als 4000 Figuren wurden in der hundertjährigen Firmengeschichte in Grünhainichen gefertigt. Vieles ging in Serie und gehört heute noch zu den begehrten Verkaufsartikeln. Andere Produkte wurden nur in geringer Stückzahl oder als Musterteile angefertigt. Dabei handle es sich nicht nur um die berühmten Engelsfiguren mit ihren elf Punkten auf den Flügeln. "In Grünhainichen wurden auch zahlreiche Gebrauchsgegenstände mit künstlerischem Anspruch, sogenannte Reformkunst, entworfen und hergestellt", erklärt Marlis Rokitta. Sie zeigt auf eine geschmackvoll verzierte Truhe im Treppenhaus zu ihrem Büro und erklärt die historisch gewachsene Besonderheit ihres neuen Arbeitgebers: "Während im Erzgebirge die Holz- und Spielzeugherstellung aus der Not heraus geboren wurde, gab es bei Wendt & Kühn zuerst die künstlerischen Ideen, die später eine Firma entstehen ließen."

Für fast alles gibt es noch die Originalentwürfe der drei Frauen, die nun analysiert und katalogisiert werden. Hinzu kommen alte Geschäftspost, Abrechnungen und Versandunterlagen, mit deren Hilfe die soziale Stellung des heute 195 Mitarbeiter zählenden Betriebs in einen zeitlichen Kontext gesetzt werden könne. Für Marlis Rokitta eine Herausforderung. "Mein Fachgebiet konzentrierte sich im Studium auf Sozial- und Wirtschaftsgeschichte", sagt sie und deutet mit beiden Händen ein ungeduldiges Kribbeln an.

Einen ersten Einblick in ihre Arbeit wird die neue Sonderausstellung geben. Unter dem Titel "Von Japan bis Bayern - Figuren in Trachten" holt Projektleiterin Marlis Rokitta einige versteckte Schätze und ihre Entstehungsgeschichte vom Dachboden in die Erlebniswelt im Erdgeschoss. Geflügelte Himmelsboten wird die Sonderschau nicht zeigen. Vielmehr gibt sie einen Einblick in die weltoffene Sicht der drei Künstlerinnen und die daraus resultierende Firmenentwicklung von Wendt & Kühn.

Die Sonderausstellung "Von Japan bis Bayern - Figuren in Trachten" öffnet am 24. März und ist für ein Jahr zu den Öffnungszeiten von Wendt & Kühn in der Chemnitzer Straße 40 in Grünhainichen zu sehen.

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