"Die Straße will doch gar keiner mehr bauen"

Naturschützer Tobias Mehnert über die Ortsumgehung Flöha und die Bedeutung des Auenwaldes bei Falkenau

Flöha.

Die Kritik an seiner Person nimmt kein Ende - und geht nicht selten unter die Gürtellinie. Tobias Mehnert ist als Vorsitzender zweier Naturschutzverbände auch deren Sprachrohr. Und er hat angekündigt, gegen den Weiterbau der Ortsumgehung Flöha zu klagen, falls die Genehmigungsbehörde Baurecht erteilt. Über seine Beweggründe und alternative Ideen hat sich Thomas Reibetanz mit dem Gahlenzer unterhalten.

Freie Presse: Ihr Kampf gegen den Weiterbau der Flöhaer Umgehungsstraße geht in die nächste Runde. Haben Sie nicht genug von all den Anfeindungen?


Tobias Mehnert: Natürlich stören mich die Anfeindungen und auch Drohungen gegen meine Person. Glauben Sie mir - ich hätte lieber meine Ruhe. Aber ich möchte mir nicht irgendwann vorwerfen müssen, dass nicht alles getan wurde, um diesen Irrsinn, der an einigen Stellen passiert, zu stoppen. Im Übrigen ist es nicht mein eigener Kampf. Wir setzen uns als Verein für den Naturschutz ein. Ich bin der Vorsitzende und als solcher stehe ich vorn.

Wo sehen Sie den Irrsinn im aktuellen Fall der Ortsumgehung Flöha?

Da gibt es mehrere Ansatzpunkte. Der wichtigste ist, dass man das europarechtlich geschützte Flöhatal in seinem ökologisch hochwertigsten Abschnitt mittels Brückenbauwerk, Baustraße und Brückenpfeilern zerschneiden beziehungsweise beanspruchen will. Flora-und Fauna-Habitat-Gebiete wurden ausgewiesen, um in Europa ein flächiges Netz von Naturschutzflächen zu schaffen. Sie dienen dem Biotop- und Artenschutz und sind nicht die Baulandreserve der Zukunft.

Was macht das Flöhatal so besonders und wichtig?

Hier befindet sich der einzige noch erhaltene Deichdurchbruch vom Hochwasser 2002. Die Fläche wurde als natürlicher Hochwasserausbreitungsraum vor den Toren der Stadt vom Naturschutzverband der Natur zurückgegeben. Bedingt durch die Insellage kann sich Flora und Fauna in aller Ruhe entwickeln. Und durch die Dynamik des Flusses wird der Auen-Lebensraum immer weiter gestaltet. Viele debattieren über den Klimawandel, den Verlust der Biodiversität, das Insektensterben. Die Sicherung von Flächen wie der Flöha-Insel ist eine wesentliche Lösung für die Probleme unserer Zeit.

Nachdem die Debatte um den Weiterbau neu aufgeflammt ist, haben wir unsere Leser um deren Meinung gebeten. Es gab sehr viele Reaktionen. Und nur eine einzige Meinung gegen den Bau.

Hier konkurrieren persönliche Interessen mit den gesetzlich fixierten Zielen des Naturschutzes. Viele wollen keine Straße vor der eigenen Haustür haben und würden das Problem am liebsten woandershin delegieren. Auch unter einer Straßenbrücke möchten nur die wenigsten Menschen leben. Gleichzeitig versteigen sich einige in der Ansicht, dass unter einer Straßenbrücke die Natur weiterhin ungestört wäre. Übrigens hatte die Straßenbaufirma selbst die Umsetzung von Ausgleichsmaßnahmen auf der Flöha-Insel abgelehnt, da diese nach dem Brückenbau durch den Lärm ungeeignet für den Naturschutz sei. Die Tiere können sich nicht wehren und die brauchen auch keine Straße für ihre Existenz. Deshalb ist es unredlich, wenn man einem unbeteiligten Nachbarn seine Probleme in die Wohnung packt.

Also muss sich der Verkehr weiter durch Flöha quälen?

Das tut er schon jetzt nicht. Und die Umgehungsstraße wurde in erster Linie gebaut, um bei Hochwasser und einer überfluteten Kirchenbrücke von einer Seite des Flusses auf die andere zu kommen. Das ist mit dem ersten Streckenabschnitt bereits gewährleistet. Dass dieser erste Abschnitt überhaupt gebaut werden konnte, war übrigens Inhalt des Vergleichs vor dem Bundesverwaltungsgericht 2012. Die Naturschutzverbände haben damals dessen Bau zugestimmt und darauf vertraut, dass die andere Seite nicht noch einmal die jetzt geplante Trasse bauen möchte.

Wird das begonnene Projekt niemals beendet?

Scheinbar nicht. Ich bin inzwischen davon überzeugt, dass die Straße gar keiner mehr bauen will. Im Ministerium scheint man sich zu sagen: Der Mehnert wird das schon verhindern. Und dann haben alle ihren Buhmann. Seit Beginn der Planungen im Jahre 2009 liegt eine von uns vorgeschlagene Alternativtrasse vor. Die würde etwa 400 Meter südlich neben der aktuell geplanten entlang führen und relativ wenig Natur zerstören. Die Ruine einer alten Spinnerei müsste abgerissen und entsorgt werden. Wir haben keine Ahnung, warum diese Variante nicht genommen wird. Allerdings wird aktuell durch die Stadt Flöha eine Erweiterung des Gewerbegebietes Falkenau genau auf der Alternativtrasse geplant, sodass diese versperrt wird.

Zurück zum Naturschutzgebiet. Werden denn nicht immer auch Ausgleichsflächen geschaffen?

Offiziell ja. Wie das dann aber in der Praxis von den Planungsträgern und den Behörden umgesetzt wird, kann sich jeder an der Dorfstraße in Falkenau anschauen. Dort sollten als Ausgleich für den ersten Abschnitt der Umgehungsstraße drei Kleingewässer entstehen. Wasser findet man dort selten und aktuell fressen dort Schafe das Gras in den Trockenbecken ab. tre


Zur Person

Tobias Mehnert (58) ist Chef des Naturschutzvereins Sachsen und der Grünen Liga Sachsen. In dieser Funktion kämpft er für den Erhalt von Naturschutzgebieten und hat schon gegen zahlreiche Bauprojekte in Sachsen Klage eingereicht. Mit seiner Lebensgefährtin wohnt er in Gahlenz. Die Ortsumfahrung von Flöha gehört, wie er sagt, zu den Herzensangelegenheiten des Naturschützers,

der schon als Kind in der Flöha-Aue unterwegs war. (tre)

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