Die Zukunft heißt Hanf: Firma will 60 Arbeitsplätze schaffen

Ein Unternehmen aus Sachsen-Anhalt will in Eppendorf künftig Werkstoffe aus Hanf herstellen. Die Gemeinderäte sind angetan. Die hiesigen Landwirte wollen die Pflanzen anbauen.

Eppendorf.

In Eppendorf steht die größte gewerbliche Ansiedlung seit 30 Jahren in Aussicht. Ein Unternehmen aus Sandersdorf-Brehna (bei Bitterfeld) in Sachsen-Anhalt will sich im Gewerbegebiet niederlassen. Dabei handelt es sich um das Unternehmen Canatur Innova, das sich mit der Entwicklung und Herstellung von Faserverbund- und Klimabaustoffen aus Hanf beschäftigt. Die Pläne stellte Geschäftsführer Rolf Schneider zur Gemeinderatssitzung am Dienstagabend im Sportlerheim Eppendorf vor. Die anwesenden Räte befürworteten das Vorhaben einstimmig.

So sei vorgesehen, im Gewerbegebiet an der Reifländer Straße eine rund 60.000 Quadratmeter große Fläche zu kaufen, um darauf Lagerhallen, Produktionsgebäude sowie einen Sozial- und Verwaltungstrakt zu errichten. "Derzeit befinden wir uns in der finalen Abstimmung bezüglich der Finanzierung. Die Fördermittelbescheide der Aufbaubank liegen vor, jetzt müssen sich noch ein ausländischer Investor und die Sparkasse Mittelsachsen abstimmen", sagte Schneider. Ende August soll dann zum Geld Klarheit bestehen, im September der erste Spatenstich folgen. "Bleiben wir im Plan, könnten wir die Produktion 2020 aufnehmen", blickte der Geschäftsführer voraus.

Die knapp 60 neuen Arbeitsplätze sollen durch Arbeitnehmer aus der Region besetzt werden. "Wir bringen zwar die Technologie, aber keine Mitarbeiter mit", sagte der Chef. Sieben Jahre Forschungsarbeit würden hinter seinem Team liegen. "Wir wollen die Fasern des Hanfs nutzen, um Verbundwerkstoffe herzustellen, die insbesondere für den sommerlichen Wärmeschutz sowie den Akkustikbau geeignet sind.

Schneiders eigenen Aussagen zu Folge handele es sich dabei ein neues, deutschlandweit konkurrenzloses Verfahren; selbst in Europa kenne er keinen entsprechenden Mitbewerber. Um genügend Material zur Verfügung zu haben, fanden im Vorfeld bereits Gespräche mit einigen Landwirten der Region statt. "Sie haben Interesse gezeigt, auf rund 3000Hektar Fläche Hanf anzubauen. Die geografischen Bedingungen dafür sind in Mittelsachsen sehr gut", sagte Schneider und begründete damit auch, warum er mit seinem Unternehmen im Bereich Bitterfeld keine Zukunft sieht. "Dort fällt die Ernte längst nicht so gut aus, wie hier", betonte der Unternehmer, der bei der Verarbeitung des Naturrohstoffs insbesondere auf Nachhaltigkeit setze. In Mittelsachsen habe er Standorte in Döbeln, Hainichen und Roßwein geprüft. Dann bekam er den Tipp, sich in Eppendorf umzusehen. Die Gemeindeverwaltung Eppendorf hatte zuvor der Wirtschaftsförderung Sachsen sowie der IHK avisiert, über Grundstücke zu verfügen. "Auch wenn der Weg zur Autobahn etwas weiter ist, finden wir hier alle Voraussetzungen. Deshalb bin ich sehr glücklich, dass der Gemeinderat heute dem Projekt zugestimmt hat", sagte Schneider.

Natürlich seien auch Probleme zu lösen. "Da wir Hanfpflanzen mit einem Trockengehalt von unter acht Prozent lagern und verarbeiten, spielt der Brandschutz eine große Rolle. Gespräche mit der Feuerwehr vor Ort fanden bereits statt, ein umfangreiches Brandschutzkonzept wird Teil der Baugenehmigung sein", stellte der Canatur-Geschäftsführer klar. Hanf sei eine der ältesten Nutzpflanzen der Welt. "Columbus hätte es einst nie bis nach Amerika geschafft, wenn er keine Hanfseile an Bord seines Schiffes gehabt hatte. Und die Hanffasern spielten bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eine große Rolle bei der Textilherstellung, wurden dann aber von Kunstfasern verdrängt", berichtete Schneider. Doch Hanfpflanzen stehen auch dafür, einen Stoff für die Herstellung von berauschenden Mitteln, dass Tetrahydrocannabiol, kurz THC, zu beinhalten. "Um es ganz klar und deutlich zu machen: Unser Unternehmen hat mit Drogen nichts am Hut" , stellt der Geschäftsmann klar, der in Thüringen wohnt. Ohnehin dürften in Deutschland nur Pflanzen mit einer unbedenklichen THC-Konzentration von unter 0,2 Prozent angebaut werden. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung würde auf den Feldern unangekündigt kontrollieren, um den THC-Gehalt zu prüfen.

"Unabhängig davon möchte ich den Kontakt zur Schule aufnehmen und in kleinen Vorträgen über den Hanf aufklären", sagte Schneider. Dafür bot der Vorsitzende des Schulfördervereins, der ehemalige Eppendorfer Bürgermeister Helmut Schulze, seine Hilfe an.

Zudem meldete sich ein Bürger zu Wort: "Macht es nicht so kompliziert, und gebt dem Mann seine Chance. Eppendorf braucht neue Arbeitsplätze und die Gewerbe- und Grundsteuer wird doch auch gern genommen."


Gewerbegebiet Eppendorf, Reifländer Straße:

Das Gewerbegebiet Eppendorf an der Reifländer Straße wurde in den Jahren 1993 und 1994 mit Förder- mitteln erschlossen. Von den 115.000 Quadratmetern Fläche sind zum heutigen Zeitpunkt noch zirka 75.000 Quadratmeter frei. Derzeit haben sich dort vier Unternehmen angesiedelt.

2015 suchte Bürgermeister Axel Röthling (SPD) den Kontakt zur Wirtschaftsförderung Sachsen, um die Vermarktung des Areals voranzutreiben. Die Verantwortlichen der Wirtschaftsförderung schauten sich vor Ort um und sagten Unterstützung für die Ansiedlung neuer Unternehmen zu. 2018 nahm die Canatur Innova GmbH Kontakt zur Gemeinde Eppendorf auf. (kbe)

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