Ein Geben und Nehmen

Oft ist zu hören, dass Kinder den elterlichen Betrieb nicht übernehmen wollen. Anders beim Sicherheitsfachgeschäft Werner Seidel: Tochter Claudia ist nun die Chefin.

Flöha.

"Man muss an einem Strick ziehen und sich verstehen." So erklärt Claudia Seidel, warum die Übernahme des väterlichen Sicherheitsfachgeschäftes in Flöha so geschmeidig über die Bühne ging und ihr Vater bis heute immer noch mit Rat und Tat zur Seite steht. "Es muss ein Geben und Nehmen sein", sagt Firmengründer Werner Seidel. Er hat seine Tochter schon frühzeitig ins Familiengeschäft eingebunden. "Inzwischen baue ich meine Arbeitszeit ab, bin nur noch drei Tage pro Woche im Geschäft", sagt der 1950 geborene Unternehmer.

Das Sicherheitsmetier war Claudia Seidel zwar nicht in die Wiege gelegt. Aber ihr Kinderzimmer befand sich direkt über der damaligen Werkstatt. "Insofern hatte ich schon immer mit dem Geschäft zu tun", sagt die Flöhaerin. Mit ihrer Schwester war sie oft in der Werkstatt, guckte neugierig zu, was ihr Vater da so trieb. Nach dem Abitur lernte sie jedoch zunächst Rechtsanwaltsfachangestellte und arbeitete auch einige Jahre mit viel Spaß in ihrem Beruf. "Aber es wurde zunehmend schwierig, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen", erzählt die zweifache Mutter.

Also sattelte die 1982 geborene Geschäftsfrau ein einjähriges Fernstudium drauf, kann sich heute Fachkraft für Sicherheitstechnik und Fachkraft für Rauchwarnmelder nennen und darf dank einer Ausnahmebewilligung das vom Vater 1977 eröffnete Unternehmen als geschäftsführende Gesellschafterin fortführen. Unterstützung erhielt sie für die Geschäftsübernahme von der Handwerkskammer in Chemnitz, zum Beispiel beim Antrag auf Gewährung eines Gründungszuschusses. Zur Seite steht ihr auch der Ehemann. Und dass sich der Vater nicht auf einen Ruck auszahlen ließ, sondern den Kaufpreis für den Firmensitz in der Dresdner Straße in Raten akzeptiert, war ebenfalls hilfreich.

Längst haben die Kunden die Chefin als Ansprechpartner Nr. 1 akzeptiert. Denn Claudia Seidel weiß genau, womit Fenster und Türen sicherer gemacht werden können und welche Vor- und Nachteile mechanische und elektronische Schließ- zylinder haben. "Der Trend geht zur Mechatronik, vor allem bei Schließanlagen", sagt sie. Ihr Vater fügt hinzu: "Es kommt auf die möglichst sinnvolle Kombination aller Komponenten an. Denn nur die Mechanik verhindert einen Einbruch. Die Alarmanlage zum Beispiel nicht." Einbruchschutz sei heute einfacher als früher, da es Lösungen für alle Fälle gebe. "Es ist nur eine Kostenfrage. Man muss es eben machen", sagt Werner Seidel.

Seit 2015, seit sich viele Einheimische nicht mehr sicher fühlen, sind bei den Kunden vor allem Zusatzsicherungen für Fenster und Terrassentüren gefragt. "Das sind die Schwachstellen im Haus", erläutert Claudia Seidel. "Weil sich die Leute zunehmend absichern, ist auch die Zahl der gescheiterten Einbrüche gestiegen." Zum Glück, denn war erst einmal jemand Fremdes in den eigenen vier Wänden, bleibt oft ein ungutes Gefühl, das den Bewohner aus dem Gleichgewicht wirft.

Als gewichtige Ursache für scheiternde Geschäftsübergaben sieht Werner Seidel neben der wachsenden Bürokratie übrigens die deutsche Ausschreibungspolitik: "Es gewinnt immer der wirtschaftlichste Anbieter". An diesem sinnlosen Nach-unten-Treten sind viele Handwerker kaputtgegangen", meint der Ex-Firmenchef. "Müssten die Kommunen nicht immer dem niedrigsten Preis den Zuschlag geben, würden sicher viel mehr Kinder einen elterlichen Betrieb übernehmen."


So hilft die Handwerkskammer Chemnitz bei Firmenübernahmen

Aktuell zähltdie Handwerkskammer 22.550 Betriebe im Direktionsbezirk Chemnitz. Dazu gehören neben der Stadt Chemnitz die Landkreise Mittelsachsen und Zwickau, der Erzgebirgs- und der Vogtlandkreis.

Im Vorjahr wurden "286 Betriebe übernommen", sagt Robert Schimke, Abteilungsleiter Medien und Marketing bei der Handwerkskammer Chemnitz (HWK). "Das entspricht 22 Prozent aller altersbedingten Abmeldungen." Diese Quote sei im Vergleich ganz gut, meint Schimke, nannte allerdings keinen Bezug. Bei den 78Prozent der geschlossenen Betriebe handele es sich um kleinere und nicht so ertragsstarke Firmen. Am Beispiel des Bäckersterbens sei ein Konzentrationsprozess feststellbar: Trotz Schließung wirtschaftlich schwacher Firmen blieben die Umsätze des jeweiligen Gewerks stabil.

Den Alteigentümern rät die Handwerkskammer, sich möglichst langfristig mit dem Thema der Übernahme zu beschäftigen: "Unsere Betriebsberater empfehlen fünf Jahre Vorlaufzeit", so Robert Schimke. Zunächst müsse ein Übernehmer gefunden werden, eventuell jemand aus der Firma selbst, der aufgebaut werden muss. Zudem sollte die HWK den Unternehmenswert ermitteln, um einen realistischen Kaufpreis zu finden.

Für die Finanzierung empfiehlt es sich, zunächst bei der Hausbank des Alteigentümers anzudocken: "Das hat viel mit persönlichem Vertrauen zu tun", so Robert Schimke. Generell sei eine Geschäftsübernahme eine menschlich sehr komplexe Angelegenheit, in der alle Beteiligten mit Fingerspitzengefühl agieren sollten.

Betriebsberater der HWK ist Sören Ruppik, beratung@hwk-chemnitz.de.

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