Ein Paar Schuhe als Extralohn

Im Dorfmuseum Gahlenz ist am Sonntag Erntefest gefeiert worden. Gefragter Gesprächspartner war Siegfried Richter - wie all die Jahre. Der 90-jährige ist das Arbeiten auf dem Hof von Kindesbeinen an gewohnt.

Gahlenz.

Seit 1870 ist der Hof am oberen Ende von Gahlenz in Richter-Hand. Mit gerade mal 26 Jahren, im März 1955, hat ihn Siegfried Richter mit seiner Frau Brunhilde von seinem Vater Bruno übernommen. Der ältere Bruder musste als 17-Jähriger noch in Hitlers Krieg, kam nicht wieder heim. Erst nach der Wende hatte Siegfried Richter die Gewissheit, dass dieser in einem Krankenhaus in der Ukraine gestorben war.

20 Hektar gehörten damals zum Hof, zwölf Milchkühe, vier bis fünf Stück Jungvieh, drei Pferde und zwölf Schweine wollten versorgt sein und sorgten in den 1950er-Jahren nicht nur für die Erfüllung des unabdingbaren Abgabesolls, sondern auch für die Versorgung der Bauernfamilie. Auf den Feldern wuchsen Getreide, Kartoffeln, Rüben und auch Lein. "Viel Freizeit blieb da schon für uns als Kinder nicht. Bis um eins hatten wir Schule, wenn wir dann heim kamen, lag oft ein Zettel auf dem Tisch auf dem stand: ,Zieht Euch um und kommt raus aufs Feld'", erinnert sich Siegfried Richter, zu dessen Aufgaben auch das Kühe hüten gehörte. Barfuß seien sie über die Stoppeln gerannt. Arbeiten ist er also von Kindesbeinen an gewohnt.

Erst recht in der Erntezeit. Die forderte jede Hand auf Richters Hof. Zu dem gehörten damals neben ihm und seiner Frau und der 1955 geborenen Tochter Roswitha ein Kutscher und ein Dienstmädchen. Doch auch Freunde und Nachbarn halfen, ganz besonders in jenen 28 Monaten Anfang 1960, die Siegfried Richters Frau wegen ihrer TBC-Erkrankung in der Coswiger Lungenheilstätte zubringen musste. "Erst kam das Heu. Wenn dann das Getreide reif wurde, ging es mit der Flügeldreschmaschine aufs Feld, später haben wir uns einen Mähbinder gekauft", erzählt das älteste Mitglied des Gahlenzer Heimatvereins. "Doch bevor der zum Einsatz kommen konnte, musste rundum mit der Sense eine Schwad weggehauen werden."

Je nach Wetter musste das Korn meist acht Tage in Puppen auf dem Feld stehen, bevor es in der Scheune eingepanselt wurde. Eingepanselt? Damit ist das systematische, platzsparende Einschichten der Garben gemeint, denn es sollte schließlich alles reingehen. Nach der Getreideernte kam die zweite Grasmahd, das sogenannte Grumt. Aber das sei nicht so weltbewegend gewesen, erinnert sich Richter. Danach mussten die Rüben, die Kraut-Strünke fürs Vieh und die Kartoffeln eingebracht werden. Ein von Pferden gezogener Roder schleuderte die Erdäpfel aus dem Boden, bevor sie per Hand in Körbe gelesen wurden. "Da haben uns oft Nachbarsfrauen geholfen", erzählt Siegfried Richter. Das Soll habe man selbst zum Bahnhof Oederan bringen müssen. "Was übrig blieb und nicht in den Keller ging, kam in Mieten in Hofnähe, von wo es dann im Winter mit dem Pferdeschlitten reingeholt wurde." Getrunken habe man bei der Arbeit meist verdünntes Essigwasser, Tee oder Wasser aus der Quelle auf der hofeigenen Wiese.

Manchmal, wenn Gelegenheit war, hätten sie das Getreide mit dem Stiftendrescher schon im Herbst gedroschen, den Großteil aber im Dezember. "Da mussten wir uns immer mit den Nachbarn absprechen wegen des Stroms. Oft bin ich eher aufgestanden, habe gedroschen und bin dann in den Stall."

Mitte September, wenn die Getreideernte unter Dach war, wurde Erntefest gefeiert - das kirchliche wie das hofeigene. "Wir haben an dem Sonntag früh unser Personal und alle Helfer zu Kaffee - handgemahlen natürlich - und Kuchen eingeladen. Zehn große Blechkuchen haben wir beim Bäcker backen lassen, ein ganz schöner Stoß kam da auf den Tisch. Danach ging es in die Kirche und abends haben wir dann alle bei uns gemeinsam Abendbrot gegessen. Das Personal hat als Dank kleine Geschenke von uns bekommen. Entweder ein Paar gute Schuhe oder das Dienstmädel ein Kleid oder eine Bluse", erzählt Siegfried Richter. Ja, und danach sei man dann noch zum Tanze in den Oberen Gasthof oder in die Schöppenschenke gegangen. An dem Tag ging es zuweilen hoch her bei Bier und Klarem und Eierlikör für die Frauen. Doch egal wie hoch, um fünf musste Siegfried Richter, und nicht nur er, wieder raus. Das Vieh verlangte sein Recht.

1960 ist der Bauer aus Leidenschaft in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) eingetreten. "Ich hätte es allein als Einzelbauer nicht geschafft", schätzt er nüchtern ein. Zumal seine Frau damals in der Lungenheilstätte war. Und seine Tochter Roswitha ergänzt: "Es waren beschwerliche, aber auch schöne Zeiten. Ich habe eine sehr gute Kindheit gehabt und nichts entbehrt dank Vati."

Übrigens: Torsten Lange, Vorsitzender des Heimatvereins, war mit 400 Besuchern zum Erntefest am Sonntag mehr als zufrieden. Er ist sich sicher, dass die Oldtimer-Traktorenschau, die die Gahlenzer zum dritten Mal auf die Beine stellten, ein Anziehungspunkt sei. "Es ist die familiäre Atmosphäre, die gut ankommt; die Kinder werden beschäftigt, während sich die Erwachsenen umschauen können", sagte er. Immer wieder erstaunlich sei: Man habe Gäste aus der näheren Umgebung, die zum ersten Mal nach Gahlenz kommen und Gäste selbst aus dem Böhmischen und der Sächsischen Schweiz. (mit ka)

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