Ein Schatz erklingt in Augustusburg

Das Schneeberger Orgel- und Clavierbuch aus der Zeit um 1705 schlummerte in einer Leipziger Bibliothek. Nun hat ein erzgebirgischer Kantor die Stücke in der Schlosskapelle auf CD eingespielt.

Augustusburg.

Orgelmusik des Barock wird auch im Erzgebirge vielfach von Johann Sebastian Bach dominiert. Ein Phänomen, das nach Einschätzung von Musikwissenschaftler Michael Maul aus Leipzig - er gilt als einer der profundesten Kenner des Altmeisters - bereits bei den Musiksammlern des ausgehenden 18. Jahrhunderts seinen Anfang genommen hat. Die Folge: Orgelwerke von Zeitgenossen außerhalb des Bach-Zirkels haben sich kaum erhalten, sagt Michael Maul. So sei es schwer zu ermitteln, was zur damaligen Zeit auf den Orgelemporen gespielt wurde. Das will Kantor Enrico Langer aus Ehrenfriedersdorf ändern und hat sich dafür - mit fachkundiger Unterstützung - an ein besonderes musikalisches Projekt gewagt: Er hat das Schneeberger Orgel- und Clavierbuch, das auf einem Manuskript aus der Zeit um 1705 basiert, erstmals auf CD eingespielt - auf der Renkewitz-Orgel in der Schlosskapelle von Schloss Augustusburg. Ein Notenhandbuch für heutige Kantoren soll noch in diesem Jahr folgen.

Der Schatz: Das Orgel- und Clavierbuch gilt als ein besonderer musikalischer Schatz. Es erzählt zwei bemerkenswerte Geschichten, sagt Michael Maul: "Zum einen berichtet es wie kaum eine andere Quelle aus dem frühen 18. Jahrhundert, was damals das tatsächliche Gebrauchsrepertoire mitteldeutscher Organisten war, und lässt dabei mit seiner Mischung aus Pragmatik, Kreativität, Virtuosität und Spielfreude aufhorchen. Zum anderen aber erzählt es auch ein bewegendes Stück Schneeberger Musikgeschichte." Zu verdanken ist dieser Schatz zum einen dem einstigen Schneeberger Kantor Christian Umblaufft, der von 1673 bis 1757 gelebt hat und ein halbes Jahrhundert das Musikleben in Schneeberg mit prägte. Er hat 27 Orgelwerke auf den ersten 43 Seiten des Buches von Hand eingetragen, haben die Nachforschungen des Musikwissenschaftlers Wolfgang Eckhardt ergeben. Es handelt sich sowohl um Kompositionen, die Umblaufft selbst komponiert, als auch um solche, die er gesammelt hat. "Sicherlich ein Gebrauchsrepertoire für den Gottesdienst", vermutet Michael Maul. Denn alle Stücke sind leicht spielbar und maximal drei Minuten lang, besagen die Erfahrungen von Kantor Enrico Langer. Vermutet wird, dass das Buch nach dem großen Schneeberger Stadtbrand von 1719 Gottfried Lincke, dem Organisten der Sankt Wolfgangskirche, von Umblaufft gewissermaßen als Startkapital für einen Neuanfang vermacht wurde. Lincke war nicht nur begeistert von der Sammlung, sondern füllte auch die noch unbeschriebenen Seiten des Buches, das anschließend auf bisher unbekannten Wegen nach Leipzig gelangte - zum damaligen Organisten der Nikolaikirche Carl Ferdinand Becker. Dort wurde es Teil seiner historischen Musikaliensammlung der Leipziger Stadtbibliothek und schlummerte viele Jahre, bis es von Wolfgang Eckhardt wissenschaftlich aufgearbeitet wurde.


Der Schatzgräber: Kantor Enrico Langer aus Ehrenfriedersdorf hob den Schatz. Der gebürtige Annaberg-Buchholzer, Jahrgang 1976, ist in Wiesa aufgewachsen und hat an der Hochschule für Kirchenmusik in Dresden sein musikalisches Handwerk gelernt. Seit 2001 als Kirchenmusiker in St. Niklas in Ehrenfriedersdorf tätig, hat er zu Schneeberg eine besondere Verbindung. Denn ein Jahr zuvor hatte er sein Praktikum beim damaligen Kantor Manfred Stange absolviert. Für den jungen Musiker eine prägende Zeit: "Er hat mir viel mit auf den Weg gegeben", sagt er. So stehen längst regelmäßige Engagements im In- und Ausland auf der Tagesordnung, dazu Rundfunkbeiträge und eben CD-Aufnahmen. So hat Enrico Langer vor fünf Jahren die erste Gesamtaufnahme der Orgelwerke von Rudolf Mauersberger eingespielt - dem langjährigen Dresdner Kreuzkantor, dessen Wurzeln ebenfalls im Erzgebirge liegen. Eine Einspielung, mit der er noch im selben Jahr für den Preis der deutschen Schallplattenkritik nominiert wurde. Erschienen ist die CD bei "Querstand" - dem Klassiklabel der Verlagsgruppe Kamprad. Sie zeichnet auch für die neuerliche Veröffentlichung verantwortlich. Die wurde zudem maßgeblich mitfinanziert durch Markus Wiesehütter aus Ehrenfriedersdorf - einen Unternehmer und Freund des Kantors.

Schatzschatulle: Als diese diente gewissermaßen die Renkewitz-Orgel in der Schlosskapelle von Schloss Augustusburg. Sie ist ebenfalls ein "besonderer Schatz aus dem 18. Jahrhundert", heißt es dazu aus dem Verlag. Denn die kleine Orgel lege ebenfalls Zeugnis von einer "Pioniertat" ab: 1936 verändernd restauriert und umgestimmt, sei bereits 1972 eine Rückführung in die originale Klanggestalt erfolgt - zu einer Zeit "als so ein Vorgang noch höchst selten war". Auch Enrico Langer schwärmt: "ein sehr schönes, liebliches Instrument", auch wenn an den drei Aufnahmetagen im Juli 2018 nicht nur die Hitze allen zu schaffen gemacht hat, sondern auch noch ein abgelöstes altes Beder am Blasebalg. Doch Orgelbauer Christian Wegscheider aus Dresden konnte schnell helfen, sodass der ehrgeizige Zeitplan gehalten werden konnte.

Radiotipp Das Orgelmagazin des Senders "MDR Kultur", moderiert von Claus Fischer, widmet sich am 5. Mai, 22 Uhr ausführlich der neuen CD. Das Label "Querstand" und die CD finden Sie im Internet.

vkjk.de

 

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