Eklat in der Galerie im Tietz

Der Direktor der Neuen Sächsischen Galerie musste seinen Schlüssel abgeben. Der Trägerverein erhält Protestbriefe.

Chemnitz.

Mathias Lindner, seit fast 15 Jahren Direktor der Galerie im Tietz, ist entlassen worden. Die Entscheidung hatte der Vorstand des Trägervereins Neue Chemnitzer Kunsthütte getroffen. Verkündet worden war das ausgerechnet zur Vernissage der neuen Ausstellung "Cliché Verre". Robert Magerle, Vorstandsvorsitzender des Vereins, sagte, die die Entscheidung sei aus finanziellen Gründen gefallen. Bei der Stadt war ein Zuschuss beantragt worden, der 91.000 Euro über dem liegt, den der Verein tatsächlich erhält. Darum werde man den Ausstellungsraum im Keller nicht mehr mieten. Das spare 58.000 Euro. Doch da das noch nicht ausreiche, "mussten wir deshalb Herrn Lindner die Kündigung aussprechen", sagte er.

Auf Nachfrage erklärte Rolf Süß, stellvertretender Vorsitzender, vor allem die Nebenkosten seien enorm gestiegen, so müsse man zum Beispiel die vergrößerte Zahl der Security-Mitarbeiter im Tietz mit bezahlen. "Mathias Lindner hat außerordentlich korrekt gearbeitet", betonte er. Die Stelle eines Direktors soll neu ausgeschrieben werden, allerdings mit weniger Stunden, sodass weniger Gehalt gezahlt wird. Ob Lindner auch zu diesem Einschnitt bereit gewesen wäre, "darüber haben wir nicht mit ihm diskutiert", räumte Magerle ein.


Bei den Anwesenden bei der Vernissage löste die Erklärung Empörung aus. "Skandalös und furchtbar" sei das, sagte Künstlerin Dagmar Ranft-Schinke aufgebracht. Lindner musste am Tag seiner Kündigung sofort die Schlüssel abgeben. Dieses Vorgehen nannte Ranft-Schinke mysteriös. Für Lindner lege sie ihre Hand ins Feuer. Auch Jörg Steinbach, Mitglied des Kunsthütten-Vereins und des Kulturbeirats, nannte das Vorgehen unseriös und unwürdig. Der Verein verfüge "über erhebliche Rücklagen, die das Gehalt von Herrn Lindner absichern würden", sagte er. Steinbach initiierte eine Unterschriftensammlung. Wenn zehn Prozent der Vereinsmitglieder eine außerordentliche Versammlung fordern, muss sie einberufen werden.

Vereinsmitglied Jürgen Oehlschläger sagte, er sei erschrocken über den fehlenden Anstand. Das Vorgehen gegen Lindner komme einem Rufmord gleich. "90 Prozent der Leute, die das hören, müssen doch denken, er habe silberne Löffel gestohlen", sagte er. Magerle betonte wiederholt, die ordentliche Kündigung habe rein wirtschaftliche Gründe. Lindner sei von der Arbeit freigestellt. Ihm die Schlüssel abzunehmen, habe einem "klaren und wohldefinierten Übergang" gedient. Sein Unverständnis drückte auch Egmont Elschner, Vorsitzender des Kulturbeirats, aus. Der Kulturausschuss habe eine Sondergruppe gegründet, um mit dem Vorstand des Kunsthütten-Vereins ein langfristiges Finanzierungskonzept zu erstellen. Lindner habe offenbar zeitgleich die Kündigung erhalten, obwohl der Vorstand von den Absichten der Gruppe informiert gewesen sei. Die Stadt sei endlich bereit und in der Lage, für Kultur mehr Geld auszugeben, so Elschner. "Wir sind vor den Kopf gestoßen", sagte er.

Seit der Vernissage haben sich Künstler aus ganz Deutschland zu Wort gemeldet. Bernhard Gabert, dessen Werk "Im Wald" im Foyer des Tietz hängt und der als Professor für Plastik an der Hochschule Hannover lehrt, hat einen offenen Brief geschrieben. Er nennt die Kündigung skandalös und fordert OB Ludwig auf, Einfluss zu nehmen, dass die Entscheidung rückgängiggemacht wird. Lindner habe sich bundesweit eine ausgezeichnete Reputation erworben. "Die Form der Kündigung ist so empörend wie widersinnig", geschehe sie doch just zu einem Zeitpunkt, da nach Aussage von Kulturbeirats-Vorsitzendem Egmont Elschner bereits mit dem Kulturausschuss der Stadt an einem langfristigen Finanzierungskonzept gearbeitet werde. "Es scheint, dass es andere Gründe für die Entlassung gibt, die aber das Licht scheuen", so Gabert. "Angesichts der Kontraproduktivität dieses Vorstandes stellt sich die Frage, wer denn da wohl von seinem Amte zurückzutreten hätte."

Elke Hopfe, Künstlerin und bis 2010 Professorin für Grafik an der Hochschule der bildenden Künste Dresden, schreibt an den Vereinsvorstand, Lindner sei ein Mann von großem Kunstverständnis, der der Galerie ein eigenes Profil gegeben habe. Einen wütenden Brief schrieb die Leipziger Malerin und Grafikerin Susanne Werdin an den Vereinsvorstand. "Was erlauben Sie sich!", schreibt sie, "kurzerhand unter fadenscheiniger, (...) Begründung einen führenden Vertreter der kulturellen (...) Interessen der Region auszusondern? Das darf nicht durchgehen!" Sie appelliere an den Vorstand, den angerichteten Schaden zu begleichen, "indem Sie seine Kündigung zurückziehen und stattdessen selber zurücktreten".

Auch die Chemnitzer Künstler laufen Sturm gegen die Kündigung des Galerie-Direktors. So sagt der Vorsitzende des Vereins Kunst für Chemnitz, Thomas Ranft, die Entlassung sei "ein Skandal für die ganze Stadt". Der Vorstand genieße das Vertrauen der Künstler nicht mehr und solle seinerseits entlassen werden. Auch der Chemnitzer Künstler Jürgen Höritzsch lobt Lindner und hält die Gründe für nicht nachvollziehbar.

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