Feste Größe im Dorfleben: Eine Feuerwehr, die nicht nur löscht

Die Freiwillige Feuerwehr Wingendorf feiert am Samstag ihr 130-jähriges Bestehen. Auch Gäste aus dem Westerwald haben sich angesagt.

Wingendorf.

In Wingendorf ist die Feuerwehr eine Instanz - und bei weitem nicht nur für den Brandschutz zuständig. Denn in dem rund 200 Einwohner zählenden Oederaner Ortsteil gibt es keinen Gasthof, keinen Laden, keine Kita und keinen Sportverein mehr. Um Geselligkeit und Zusammenhalt im Dorf kümmert sich die Feuerwehr. Deren Mitglieder betreuen auch die örtliche Kegelbahn, im Winter richten sie das Tannenbaumfest aus. Am morgigen Samstag feiert die Freiwillige Feuerwehr Wingendorf ihr 130-jähriges Bestehen.

Deshalb richten die Brandschützer den Wettbewerb um den Gemeindepokal im Löschangriff-Nass der Stadt Oederan aus. Laut Wehrleiter Karsten Moos (53) nehmen daran die Feuerwehren aus Kirchbach, Oederan, Börnichen und Wingendorf teil. Und auch die sieben anderen Feuerwehren aus dem Stadtgebiet schicken Delegationen zum Fest. Beim Wettkampf sind zudem zwei Gastmannschaften aus Bräunsdorf und Wegefarth vertreten. Ferner werden Mitglieder der Feuerwehr Wehbach-Wingendorf im Westerwald erwartet, mit der seit 1992 eine Partnerschaft besteht. "Wir haben auch einen Gaudiwettkampf vorbereitet", sagt Moos, der zudem Oederans Gemeindewehrleiter ist.


Die Wingendorfer Feuerwehr zählt 34 aktive Mitglieder, davon 7Frauen, im Alter von 16 bis 78Jahren. Hinzu kommen fünf Mitglieder in der Ehrenabteilung. Zur Jugendfeuerwehr gehören 10 Mädchen und fünf Jungen ab acht Jahre. Bad-Wochenende, Ausflüge, Zelten an der Kegelbahn - den jungen Brandschützern wird viel geboten.

Für die Jüngsten gibt es auch am Samstag ein Kinderfest. Dafür wird vor der Kegelbahn eine Hüpfburg in Form eines Löschfahrzeuges aufgebaut, die der Kreisfeuerwehrverband Mittelsachsen zur Verfügung stellt. Jugendwart Nico Glöß (23) kündigt außerdem Stationen mit Feuerwehrtechnik, Zielspritzen, Geschicklichkeitsspiele und Basteln an. Auch die beiden Einsatzfahrzeuge drehen ihre Runden. Das mit moderner Technik umgebaute Löschfahrzeug, Baujahr 1977, und der B1000, Baujahr 1994. Letzterer wurde 2004 stillgelegt, aber der einstige Wehrleiter Christian Keller hat ihn wieder gängig gemacht. Seit sechs Jahren rollt der Barkas wieder.

Übrigens hatten die Wingendorfer 2018 keinen einzigen Einsatz. Doch weil die Truppe gut zusammenhält, gibt es da keine Motivationsprobleme, sagt Wehrleiter Moos.


Wechselvolle Geschichte: Im Depot war einst ein Gefängnis - Geburt im Feuerwehrauto

Christian Keller, seit 1957 Mitglied und von 1977 bis 2009 Wehrleiter der Freiwilligen Feuerwehr Wingendorf, hat die Geschichte des Brandschutzes in dem rund 200 Einwohner zählenden Ortsteil der Stadt Oederan zusammengetragen. Der 78-jährige frühere Dachdecker, der inzwischen in Oederan wohnt, ist noch heute aktives Mitglied der Wingendorfer und auch der Oederaner Feuerwehr.

Vor 1800 haben die Wingendorfer Brände mit einer Löscheimer-Kette bekämpft. 1810 kaufte Rittergutsbesitzer von Schönberg die erste Handdruckspritze und baute das erste Spritzenhaus. 1845 ließ er auch das zweite Spritzenhaus errichten - schon am jetzigen Standort. Auch der örtliche Textilunternehmer Max Teichmann setzte sich für den Brandschutz ein. Nicht ohne Grund: Allein 1912 brannte es zweimal in seiner Fabrik.

Ab 1838 lag das Feuerlöschwesen in den Händen der Gemeindeverwaltung, die auch 1929 das jetzige dritte Gerätehaus baute. Das Depot verfügte auch über ein Gefängnis mit Toiletteneimer und Außenglocke. Heute dient der winzige Raum als Abstellraum, doch der Strick für die Außenglocke baumelt noch an der Wand. Im Gefängnis wurden einst Landstreicher, Bettler und Diebe in Gewahrsam genommen, die beispielsweise der Nachtwächter aufgegriffen hatte.

Während des Zweiten Weltkrieges gab es 1943/44 eine weibliche Löschgruppe, denn die Männer waren alle im Krieg. "Die Frauen waren sehr gut ausgebildet", sagt Keller. Im Winter 1945/46 blieb das Löschfahrzeug Presto auf der Fahrt zu einem Brand in Kirchbach im Schnee stecken. Deshalb musste die Handdruckspritze mit einem Pferdegespann zum über sechs Kilometer entfernten Brandort gebracht werden.

Im März 1968 waren die Straßen so verschneit, dass selbst die NVA mit schwerer Technik nicht durchkam. "Als einziges Fahrzeug kam unser Garant vom Fleck", erzählt Keller und zeigt ein vergilbtes kleines Schwarz-Weiß-Foto von dem Gefährt. Drei Tage und drei Nächte sei er ununterbrochen mit dem Garant unterwegs gewesen, um die Läden in den umliegenden Orten mit Lebensmitteln zu versorgen. Auch als Krankenwagen war der Garant im Einsatz, auch bei einer Geburt. "Doch bis zum Krankenhaus haben wir es nicht geschafft, die Frau hat ihr Kind geboren, als wir gerade auf dem kalten Feld waren."

Wegen Wasserhosen, Sturmschäden und Hochwasser musste die Feuerwehr mehrfach ausrücken, allein 1980 gab es drei Hochwassereinsätze. Und zum Augusthochwasser 2002 beräumten die Brandschützer zum Beispiel angespülte Bäume und Geröll.

94 Kameraden aus sieben Feuerwehren rückten 2011 mit 20 Fahrzeugen zum Großbrand einer Lagerhalle mit Stallung in Wingendorf aus. Der leerstehende Stall konnte gerettet werden, die Halle mit Futter und Stroh brannte nieder.

2013 fand der 20. Jugendfeuerwehrtag mit 342 Mädchen und Jungen sowie ihren Betreuern in Wingendorf statt. (hh)

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