Forst im Katastrophenmodus

Stürme, Schneebruch und Schädlinge bringen den Staatsbetrieb an seine Grenzen. 120.000 Kubikmeter Schadholz wurden bisher aufgearbeitet. Doch das ist noch nicht alles.

Borstendorf/Marienberg.

Zwei Dürrejahre infolge haben den Erzgebirgswald schneller verändert, als es den Forstleuten lieb sein kann. Stürme, Schneebruch und der Borkenkäfer haben ein Übriges getan. Seit zwei Jahren arbeitet der Sachsenforst im Katastrophenmodus. 2018 lag der Holzeinschlag im Forstbezirk Marienberg notgedrungen 50 Prozent über dem normalen Jahreseinschlag. Am Ende dieses Jahres wird der Staatsbetrieb diese Marke voraussichtlich um 30 Prozent überschreiten, sagt der Leiter des Staatsforstbetriebes im Marienberger Forstbezirk, Gunther Haase. Mit gravierenden Folgen für die Holzindustrie, die mit einem Überangebot auf dem Markt zu kämpfen hat. "So niedrig wie heute war der Holzpreis in den vergangenen 30 Jahren nicht mehr", sagt Gunther Haase.

Auch der Borstendorfer Revierleiter hat ein ungutes Gefühl. Mischa Schubert schaut in einem Waldstück an der Straße zwischen Borstendorf und Eppendorf hoch zu einer Buche. Eigentlich müsste die Krone voll belaubt sein. Stattdessen kann er durch das Blattwerk hindurch blicken. Einige Äste sind abgestorben. "Bei uns ist es zwar nicht so schlimm wie in Thüringen, wo große Äste von den Buchen brechen. Doch die Folgen von Trockenstress sind auch hier erkennbar." Mischa Schubert ist zuständig für 1500 Hektar Staatswald, der sich von Krumhermersdorf und Borstendorf bis nach Pockau im Süden und Mittelsaida im Osten erstreckt. Mit der Trockenheit haben besonders ältere Bäume zu kämpfen. Wobei die Bezeichnung alt relativ ist. Besagte Buche hat um die 100 Jahre auf dem Buckel - für eine Baumart, die locker 300 Jahre und länger im Forst stehen kann, ein jugendliches Alter. "Doch wenn sich das Klima so schnell ändert, bleibt diesen Bäumen nicht genug Zeit, sich anzupassen. Ganz junge Gehölze kommen damit besser zurecht", sagt der Waldexperte.

Doch welche Konsequenzen ergeben sich daraus für den in Sachsen forcierten Waldumbau? Nachdem Stürme, Dürre und Schädlinge bundesweit große Waldflächen geschädigt haben, hat Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner unlängst eine umfangreiche Aufforstung angekündigt. Klimaangepasste Mischwälder sollen zunehmend Nadelgehölze ablösen. Um die Robustheit eines Waldes zu bewerten, genüge es aber nicht, die einzelnen Baumarten zu betrachten, sagt Haase. Das gesamte Waldgefüge müsse einbezogen werden. Dank der Anstrengungen beim Waldumbau habe es nach den jüngsten Stürmen kaum Kahlflächen gegeben.

Eine gewisse Unsicherheit bleibt dennoch. "Wir wissen nicht, wie schnell sich das Klima ändert und welche Bäume sich am besten für den Wandel eignen", erläutert Mischa Schubert. Er geht weiter in den Wald hinein und markiert Fichten, in die sich der Borkenkäfer eingenistet hat. Ist der Nachwuchs noch nicht ausgeflogen, gilt es, die Gehölze rasch zu fällen und zu entrinden. So kann die heranwachsende Käfergeneration nicht ausfliegen und noch mehr Schaden anrichten. Bei fünf bis zehn Prozent der befallenen Fichten kommen die Waldarbeiter allerdings zu spät. Der Käfer ist ausgeflogen, der Baum tot.

Seit einem Jahr lässt der Sachsenforst diese Baumleichen stehen - zunächst aus wirtschaftlichen Erwägungen. Das Totholz trägt aber auch zum Erhalt der Artenvielfalt bei. Käfer und Pilze siedeln sich an, Vögel nisten. "Nach drei bis vier Jahren fallen die Dürrlinge um und tragen zur Humusbildung bei", erklärt Mischa Schubert. Wird der Wald für Pilzgänger und Beerensammler gefährlicher? "Man sollte sich der Gefahren schon bewusst sein und hin und wieder nach oben schauen", antwortet der Revierleiter. Straßen und Waldwege seien aber sicher. Dort werden die Bäume weiterhin gefällt.


60.000 Festmeter auf Lager

120.000 Festmeter (ein Festmeter entspricht einem Kubikmeter reiner Holzmasse) Schadholz wurden seit Jahresbeginn im Forstbezirk Marienberg aufbereitet. Ein Großteil davon ist verkauft. Etwa die Hälfte wurde bislang abgefahren. Der Rest liegt im Wald auf Sammelplätzen (Polter).

Bis Ende des Jahres will der Staatsforst alles Schadholz (Sturm- und Käferholz, Schneebruch) aufarbeiten. 59.000 Festmeter liegen noch unberührt im Wald. Die Menge kann noch wachsen, wenn weiteres vom Borkenkäfer befallenes Holz dazukommt.

Für nächstes Jahr plant die Forstbezirksverwaltung, keine gesunden Fichten einzuschlagen. Lediglich anfallendes Schadholz soll dann aufgearbeitet werden. (mik)

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