Harthaer Kühe liegen auf Wasserbetten

Die Agrargenossenschaft Memmendorf stellte zum Kartoffelfest auch ihre neuesten Investitionen vor. 700 Gäste fuhren dafür in den Nachbarort.

Hartha.

Demokratie im Kuhstall: Die Memmendorfer Agrargenossenschaft hat ihre Milchkühe entscheiden lassen, welche Liegeplätze sie favorisieren. Jetzt haben sie Wasserbetten - und zum Tag der offenen Tür am Samstag konnten sich die Besucher davon überzeugen, dass sich die 850 Milchkühe im Harthaer Stall wohl fühlen. Von den rund 3000 Gästen nutzten 700 die Möglichkeit, mit einer der zwölf Pendelbus-Fahrten in den Nachbarort zu gelangen. "Das große Interesse hat uns überrascht", sagt Maxim Steinhardt, der Vorstandsvorsitzende der Agrargenossenschaft. In Hartha konnten die Besucher auch weitere Neuerungen besichtigen. Dazu gehört die Biogasanlage, die 1037 Kilowatt Strom produzieren kann. Die Abwärme wird jetzt auch ganzjährig im Neubau und zur Beheizung der Tränken eingesetzt. Insgesamt investierte das Agrarunternehmen laut eigenen Angaben am Standort Hartha einen Betrag im mittleren siebenstelligen Bereich, wobei EU-Fördermittel bereitgestellt wurden.

Wenn Steinhardt erzählt, dass die Kühe die neuen Liegeboxen bevorzugen, schwingt in seiner Stimme Begeisterung. "Wir haben im Stall drei Varianten getestet: zwei verschiedene, eher herkömmliche Liegeplätze und Wasserbetten. Letztere waren immer belegt, die anderen Plätze deutlich weniger", sagt der studierte Landwirt. Die Wasserbetten seien für die Kühe bequemer, die Tiere hätten keine Druckstellen, und die Matten könnten besser gesäubert werden. Deshalb habe sich sein Unternehmen für sie entschieden, obwohl sie 20Prozent teurer als andere Gummimatten sind.

Beim Blick in den Kuhstall weiß Steinhardt, dass es die richtige Entscheidung war. Die Kühe scheinen das Liegen in den Wasserbetten richtig zu genießen. Sobald eine mal zur Tränke geht, nimmt die nächste ihren Platz ein. Es ist fast wie am Ostseestrand, wo es bei schönem Sommerwetter ein Rangeln um die besten Plätze gibt. "Aber bei uns hat jede Kuh einen Platz", so Steinhardt.

Kühe sind neugierig. Deshalb gibt es einen Ansturm auf die 15noch ungenutzten Melk-Roboter im Stall. "Die Tiere sollen sich erst mal an die neue Technik gewöhnen und die Scheu überwinden. In den Melkrobotern liegt zunächst Futter zum Anlocken, so verbinden die Kühe damit eine positive Erfahrung", erklärt Steinhardt. Derzeit nutzen die Memmendorfer noch herkömmliche Technik - kein Melkkarussell, sondern einen Fischgrätenmelkstand aus dem Jahr 1994. Diese Woche sollen die Melk-Roboter nach und nach in Betrieb genommen werden, ab Ende Oktober werden alle Kühe mit Roboter gemolken. Steinhardt: "Wir haben uns für den Riesenschritt zum automatischen Melken entschieden." Der Harthaer Stall sei sachsenweit der erste in dieser Größenordnung, der auch über eine komplette Digitalisierung verfügt. Der Roboter bürste die Zitzen der Kuh ab, entnehme eine Vor-Probe, setze die Melkbecher (Sauger) an und melke jedes Viertel des Euters separat aus. Wenn keine Milch mehr fließt, stoppt der jeweilige Sauger sofort - was für die Kuh angenehmer ist. Zum Abschluss besprüht der Roboter die Euter mit einem speziellen Pflegemittel und desinfiziert sie.

Neu ist auch ein Ortungssystem für die Tiere im Stall. Jede Kuh hat einen Sender (Transponder). Mit diesem wird erfasst, ob die Kuh gefressen hat, ob sie brünstig ist und ob sie gemolken wurde. Denn mit Einführung der Roboter können die Milchkühe selbst entscheiden, wann sie gemolken werden. Die Technik kontrolliert das nur. "Und wenn etwas mit einer Kuh nicht in Ordnung ist, sieht das der Mitarbeiter künftig am Computer und kann sofort den Standort des Tieres feststellen", sagt Steinhardt. Denn in dem großen Stall sei es bislang sehr arbeitsaufwendig, ein bestimmtes Tier zu finden. Neu sind auch vier Reinigungsroboter, die an einen Staubsauger-Roboter erinnern. Diese säubern ständig die Gänge. Die Kühe gucken zwar noch etwas verwundert, weichen den Reinigungswagen aber gemächlich aus. Durch die Roboter gelangen 40 Prozent weniger Emissionen in die Luft. "Insgesamt kann durch die Gesamtinvestition bis zu 30 Prozent Elektroenergie eingespart werden. Gut für Mensch und Tier", so der Chef.

Mussten die Mitarbeiter im Stall bislang beim Melken schwere körperliche Arbeit verrichten, stehen sie jetzt vor einer neuen Herausforderung. Sie müssen das Display am Melkroboter bedienen und die Angaben zu auffälligen Tiere vom Smartphone abrufen. Laut dem Vorstandschef sind die Mitarbeiter hochmotiviert: "Wir haben uns bemüht, ihnen die Bedenken vor neuer Technik zu nehmen." Nur drei Mitarbeiter fühlten sich offenbar überfordert und suchen sich einen neuen Job. Andere erklärten sich spontan bereit, die neue Tätigkeit zu übernehmen. Sie werden in einem Landwirtschaftsbetrieb nahe Dippoldiswalde, der schon Melkroboter einsetzt, angelernt und erhalten dann noch eine theoretische Ausbildung. "Wir sind optimistisch, dass wir es mit Ruhe und Fachverstand hinkriegen", so Steinhardt.

Zu den Investitionen gehörten auch zusätzliche Tränken für die Kühe, eine Erweiterung der Lüftung im Stall und ein Technikanbau mit Milchhaus, Kühlung und Milchtank. Und die Agrargenossenschaft hat schon weitere Pläne: Künftig sollen die Milchkühe in Hartha die Möglichkeit haben, im Freien zu grasen. Für einen ersten Test werden die Landwirte schon im nächsten Jahr auf dem gerade abgeernteten Maisfeld neben dem Stall eine Weide anlegen.


Zehn Auszubildende

Die Agrargenossenschaft Memmendorf zählt 60 Vollzeit- und 24 Teilzeit-Mitarbeiter sowie 10 Azubis. Sie bewirtschaftet 1422 Hektar Land und hat 2100 Rinder und 150 Mutterschafe. Milchleistung: über 10.800 Kilo pro Kuh im Jahr. Über Landfleischerei, Landmarkt und Landküche erfolgt die Direktvermarktung. Imker können einen Bienenwagen gratis nutzen. (hh)

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