Herbergsvater bangt um seine Zukunft

Die Jugendherberge in Warmbad steht vor dem Verkauf. Was hat der neue Eigentümer mit dem Objekt vor? Der jetzige Pächter hofft auf eine rasche Antwort.

Warmbad.

Als sie Thomas Georgiew im Sommer 2004 zum ersten Mal sah, verliebte er sich sofort in die Jugendherberge Warmbad. Zuvor hatte er 15 Jahre in der Jugendherberge auf Schloss Augustusburg als Programmgestalter gearbeitet. Nun wollte der gebürtige Freiberger eine Einrichtung auf dem Land übernehmen.

Mit der Jugendherberge in dem Wolkensteiner Ortsteil fand er Bedingungen vor, die passten: im Grünen gelegen und mit zahlreichen Freizeitmöglichkeiten. Auch heute noch ist der 55-Jährige mit Leib und Seele Herbergsvater. Doch seinen Traum, in Warmbad eines Tages in Rente zu gehen, sieht er ins Wanken geraten. Die Stadt Wolkenstein will die Jugendherberge an einen Investor aus Chemnitz verkaufen.

Noch ist der Vertrag nicht unterschrieben, doch der Stadtrat hat einen Beschluss gefasst. Allein fünf Enthaltungen sind ein Indiz, dass den Kommunalpolitikern die Entscheidung nicht leichtfiel. "Das ist ein Punkt, mit dem wir uns schon sehr lange beschäftigen", so Bürgermeister Wolfram Liebing (parteilos) in jener Sitzung. Die Stadt habe versucht, die altersbedingten Mängel zu beseitigen: "Einiges haben wir auf die Reihe gebracht, anderes ist liegengeblieben." Auch das Ringen mit dem Jugendherbergswerk um mehr Unterstützung sei vergeblich gewesen, da dieses lieber auf Projekte in Großstädten setze. "Wir müssen jeden Euro umdrehen", unterstrich Bernd Sachse (DWV). Dem schon länger anhaltenden Stillstand will die Stadt laut Liebing mit dem Verkauf entgegenwirken.

Auch Thomas Georgiew gab ein Angebot ab und entsprach damit einem Gutachten, das den Wert des Objekts auf 79.000 Euro beziffert. Den Zuschlag erhielt der Chemnitzer, der 7000 Euro mehr bot. Wäre sich der 55-Jährige der Konkurrenz bewusst gewesen, hätte er womöglich selbst etwas draufgepackt. So aber bangt er um seine Zukunft in der Herberge, die längst auch zu seinem Zuhause geworden ist. Er fühlt sich hier so wohl wie seine Gäste. Coronabedingt hat das Geschäft gelitten. Doch Georgiew weiß, dass er sich auf seine Stammgäste verlassen kann. "Man muss sich bestimmte Gruppen erarbeiten", sagt er.

Die Arbeit hat Früchte getragen: Für viele Grund- und Mittelschulen ist Warmbad alljährlich Reiseziel. Die Nähe zu Schloss Wolkenstein und zum Naturlehrpfad machen das Objekt interessant für Klassenfahrten wie auch Fußballplatz, Volleyballfeld, Tischtennisplatten, Grillecke. Prominente Radsportler, unter ihnen Uwe Ampler, treffen sich regelmäßig in der Herberge. So kommen im Jahr 4000 bis 5000 Übernachtungen zusammen. In die Herberge, die mit 62 Betten kein Verbands-, sondern ein Anschlusshaus ist, hat der Betreiber gleich zu Beginn seiner Tätigkeit investiert. Da ein neuer Fluchtweg im zweiten Obergeschoss einen Umbau erforderte, nahm Georgiew einen Kredit auf. Wegen der behördlichen Auflagen wäre ein Herbergsbetrieb sonst nicht möglich gewesen. Ein ähnliches Vorgehen hätte sich Thomas Georgiew jetzt von den städtischen Entscheidungsträgern gewünscht. Denn nichts liege ihm mehr am Herzen als der Erhalt der Einrichtung.

Angesichts der neuen Situation ist ungewiss, wie lange er noch dazu beitragen kann. Sein Pachtvertrag läuft im Juli 2024 aus. "Es kann sein, dass sich danach nur die Bankverbindung ändert", sagt der 55-Jährige. Im Hinterkopf beschäftigt er sich aber schon mit Plan B und hört sich anderweitig um. Thomas Georgiew will in vier Jahren für einen eventuellen Abschied gerüstet sein. Kontakt zum Investor, der sein Konzept ebenso wie Georgiew dem Stadtrat präsentiert hat, gab es noch nicht. Für Bauamtsleiter Jens Voigt ist das nachvollziehbar, da zunächst der Verkauf über die Bühne gehen müsse. Erst dann wird Thomas Georgiew erfahren, wie es mit seiner großen Liebe weitergeht.


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