Im Dorf rollte nicht nur der Ball

Der Sport stellte in Erdmannsdorf einst ein Stück Ortskultur dar, sagt Siegfried Kempe. Er ist dem Thema in der lokalen Geschichte nachgegangen.

Erdmannsdorf.

In Erdmannsdorf gibt es schon lange keine Fußball-Männermannschaft mehr. Die Gründe dafür sind wohl insbesondere in der Entwicklung der heutigen Zeit zu suchen. Doch Fakt ist, dass die Kicker-Protagonisten von einst die Sportwelt nicht mehr verstehen würden, wenn sie diese heute noch erlebt hätten. Denn der Sport und dabei insbesondere der Fußball spielten in Erdmannsdorf seit Jahrzehnten eine sehr große Rolle. Das machte Siegfried Kempe deutlich, der in dieser Woche vor der Gruppe der Volkssolidarität Erdmannsdorf zum Thema einen Vortrag hielt. Der 81-Jährige gilt im Augustusburger Ortsteil und darüber hinaus als Sport-Ikone, war einst selbst ein tadelloser Sportsmann, der das Fußball-Tor hütete und unzählige Volkssportveranstaltungen organisierte oder als Sprecher begleitete. Stellvertretend dafür sei der Zschopautallauf der SG Erdmannsdorf genannt.

Kempe sprach davon, dass 1872 im Ort der erste Turnverein gegründet wurde, die benachbarten Hennersdorfer zu diesem Zeitpunkt aber schon zwei Jahre organisiert waren. 1920 wurde die Fußball-Abteilung "Frisch-Frei" aus der Taufe gehoben. "Die Männer hatten schon ganz gute Waden, denn in ihrem ersten Spiel trennten sie sich von Fortuna Borna 2:2", sagte Kempe. Doch in Erdmannsdorf rollte nicht nur der Fußball, es wurde auch geturnt und Schach gespielt. "Der Sport stellte damals in jedem kleinen Dorf ein Stück Ortskultur dar", sagte der Experte. Er nannte im Laufe des Vortrags weitere Namen und Zahlen bis zum Jahr 1960. "Doch in diesem Jahr endete nicht etwa das Sportleben in Erdmannsdorf. Vielmehr werde ich an einem zweiten Nachmittag den Rückblick fortsetzen", sagte der ehemalige Lehrer, der aus Hohenfichte stammte, aber den Großteil seines Lebens in Erdmannsdorf verbrachte.

Durch so manches leichtes Raunen und ein paar Kommentare im Publikum wurde deutlich, dass die Aktivisten von einst den Anwesenden noch bekannt waren. Der umtriebige Senior hatte der Erdmannsdorfer Ortsgruppe der Volkssolidarität einst angeboten, bei diesen kleinen Veranstaltungen Wissenswertes aus seinem umfangreichen Archiv zu übermitteln. "Ich habe mich dabei aber nicht nur auf den Sport konzentriert, sondern die kleine Vortragsreihe vielmehr ,Heimatkunde' genannt", sagte Kempe, der in seiner ehrenamtlichen Laufbahn als Sprecher unter anderem auch bei der Erzgebirgsrundfahrt der Radsportler das Mikrofon in der Hand hielt.

Bisher sprach der Hobby-Historiker schon über die Entwicklung der Schule, erinnerte an die Gaststätten in der Region und an Postkutsche, Omnibus und Dampfross. Im Vortrag "Von der Badewanne bis zum Freizeitbad" betrachtete er die Bemühungen, den Einwohnern eine öffentliche Bademöglichkeit zu bieten. "Ich habe zu diesen Themen eine umfangreiche Materialsammlung zu Hause und möchte die Nachmittage bei der Volkssolidarität fortsetzen, soweit das Interesse vorhanden ist", sagte Kempe.


Sport in Erdmannsdorf - von den Anfängen im Turnverein 1872 bis 1960

1872 wurde in Erdmannsdorf ein Turnverein gegründet. In Frankenberg (1844), Augustusburg (1847), Flöha (1848) und Marbach (1871) war das schon zuvor geschehen. In den folgenden Jahren nahmen die Erdmannsdorfer Turner unter anderem an den Turnfesten der Region teil.

1897 erhielt der Sport im Ort einen weiteren Schub, denn nicht zuletzt durch das Engagement der ortsansässigen Unternehmer Arno und Moritz Meister wurde die Turnhalle eingeweiht, die mit sämtlichen damals üblichen Turn- und Sportgeräten ausgestattet wurde.

1920 wurde in Erdmannsdorf die Fußball-Abteilung gegründet, weitere kamen hinzu. Der Sport erlebt eine weitere Blüte. Die Entwicklung wurde 1933 durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten gestoppt und fand durch den Zweiten Weltkrieg ein vorläufiges Ende.

1948 schlug die Geburtsstunde der SG Erdmannsdorf, die 1953 in BSG Fortschritt umbenannt wurde. Es folgten erfolgreiche Jahre, in denen in verschiedenen Sektionen Sport getrieben wurde, etwa ab 1949 in der Sektion Tischtennis oder ab 1956 auf der Kegelbahn Uferstraße. (kbe)

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