Jakobsweg mit Abstechern

Der Wunsch nach einer Auszeit lässt immer mehr Menschen die Strapazen stundenlanger Fußmärsche vergessen.

Oederan/Flöha/Mittweida.

Gottes Suchende auf neuen Pfaden: Pilger auf dem Sächsischen Jakobsweg können mittlerweile in Flöha ein weiteres Ziel problemlos ansteuern. Denn die Georgenkirche ist jetzt extra ausgeschildert. An der hölzernen Stegbrücke geht es entlang der B 173 direkt zu dem Gotteshaus. Und nach der Besichtigung der Kirche werden die Reisenden auch wieder zum Haupt-Jakobsweg zurückgeführt. Mit der Ausschilderung der neuen Variante hat der Verein "Sächsischer Jakobsweg" auf Wünsche von Pilgern reagiert, sagt Vereinschef Hans-Werner Lehmann. "Wir hatten mehrere Anfragen dazu und wollen den Jakobsweg ja immer attraktiver machen", ergänzt der Chemnitzer.

Pilgern ist im Trend. Die Anzahl der Pilger auf dem Weg mit der markanten gelben Jakobsmuschel auf blauem Untergrund nimmt laut Lehmann zu. 2016 und 2017 stellte der Verein 512 Pilgerausweise aus. Hinzu kamen 30Ausweise für Santiago de Compostela. In diesem Jahr wurden bereits 300 Ausweise ausgereicht, davon 20 für Santiago. Allerdings sah es in den vergangenen Wochen "wegen der Hitze etwas mau aus". Das sagt Liebgard Veit von der Pilgerherberge in Oederan. Bislang haben in diesem Jahr bei ihr und ihrem Mann Helmut 15 Pilger übernachtet. In den Vorjahren zählten die Veits jeweils 30 bis 40Übernachtende. "Wir hoffen, dass wieder mehr unterwegs sind, sobald es kühler wird", so Liebgard Veit. Sie und ihr Mann freuen sich über die Kommentare, die Gäste auf ihrem Anmeldeformular hinterließen. "Freundlicher Empfang", "Saubere und gemütliche Unterkunft", "Schöne Stadt", "Hier kann man Energie tanken", heißt es da etwa. Und ein Gast aus Nordrhein-Westfalen schrieb: "Der Pilgerweg hierher ist gut ausgeschildert. Es ist eine landschaftlich schöne Gegend." Für heute hat sich eine Jugendgruppe aus Dresden angemeldet.

Eine Stempelstelle für Pilger gibt es auch im Freiberger Domladen. Einst hing der Stempel im Dom, doch mehrfach ließen ihn diebische Andenkenjäger einfach so mitgehen. Deshalb ist er jetzt im Laden. "Es kommen immer mal Pilger vorbei. Aber wir zählen sie nicht", so Jana Tschapek vom Büro für Tourismus und Musik im Dom. Insofern könne sie auch nichts über Trends sagen. Neben dem Stempel erhalten die Besucher ein Faltblatt und dürfen den Dom kostenlos besichtigen. "Die meisten nehmen dieses Angebot gern an", so Jana Tschapek.

Einige Pilgerherbergen sind laut Werner in den vergangenen Jahren geschlossen worden - meist aus Altersgründen. So stehen in Freiberg eine Herberge in der Pfarrgasse und ein Quartier der evangelisch-lutherischen Schwesternkirchgemeinden Petri-Nikolai und St. Johannis nicht mehr zur Verfügung. In Grillenburg wiederum konnte eine neue Herberge angeboten werden.

An diesem Tag wartet Hans-Werner Lehmann auf eine ungewöhnliche Wandergruppe: Studenten aus vier Ländern hatten ihn gebeten, sie auf dem Sächsischen Jakobsweg zwischen Flöha und Chemnitz zu begleiten. "So junge Leute sind ja eher die Ausnahme auf dem Sächsischen Jakobsweg", so Werner. Vom Bahnhof kommend, trifft die kleine Gruppe an der Kirchenbrücke auf den Jakobsweg, um vorbei an der Mündung der Flöha in die Zschopau durch den Struthwald nach Euba zu laufen. Da wissen die Studenten aus Chemnitz und Mittweida längst, dass die Wurzel der Muschel die Richtung anzeigt. Die Russin Varja Bachul sagt: "Ich habe erst in Deutschland gelernt, dass man auch nur einen Tag wandern kann. Bei uns im Altai ist man mehrere Tage unterwegs und übernachtet im Zelt." Varja Bachul studiert seit fünf Jahren an der TU Chemnitz und ist zum ersten Mal in der Gruppe Wander-Café (mittweida-mitwanderer.de) dabei, die 2016 von dem Ägypter Hany Ibrahim gegründet wurde. "Das sind immer so fünf bis zehn Leute", so Til Weißflog, der an der Hochschule Mittweida studiert. Diesmal sind Arlinda Sadiku aus Albanien, Studentin in Mittweida, und Gregor Freytag aus Dresden, der in der Flüchtlingshilfe in Chemnitz arbeitet, mit von der Partie. Ihnen macht die Tour auf den Spuren der Jakobsmuschel sichtlich Spaß.


Mittelalterliche Pilgerstraße

Der Jakobsweg ist eine mittelalterliche Pilgerstraße. Er führt zum Grab

des Apostels Jakobus ins spanische

Santiago de Compostela. In Sachsen

gab es ursprünglich zwei Pilgerwege.

Einer von ihnen führt über Bautzen,

Dresden, Freiberg, Oederan, Flöha, Chemnitz und Plauen nach Hof. Historisches Vorbild ist die mittelalterliche Frankenstraße.

Die Chemnitzer Jakobspilger betreuen die Teilstrecke des Jakobsweges in Mittelsachsen. Die Erstbegehung des Weges zwischen Oederan und Chemnitz erfolgte im Juli 2010. Im Juni 2013 ist der Sächsische Jakobsweg an der Frankenstraße zwischen Bautzen und Hof offiziell eröffnet worden. (hh/ka)

www.saechsischer-jakobsweg.de

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...